Holokaust – was konnte der Einzelne in Erfahrung bringen?

Seit Ende März ist in der Topographie des Terrors eine klug konzipierte und kreativ kuratierte Ausstellung zu sehen. Am 24. März 2026 fand die Eröffnung vor einem großen Publikum statt.

Dr. Andrea Riedle eröffnete als Direktorin der Stiftung die Veranstaltung und erläuterte das Konzept der Ausstellung. Zentral waren die Fragen an die Tätergeneration: Wann hat wer was gewusst oder wissen können. Diese Fragen sind heute weiterhin relevant Denn nach dem Ende des NS-Regimes stand der kleinen Gruppe von widerständigen Menschen eine übergroße Gruppe von Menschen gegenüber, die vermeintlich unbeteiligt gewesen waren. In der Austellung werden die verschiedenen Informationsquellen für die damalige Bevölkerung analysiert: Die offiziellen NS-Verlautbarungen in Medien und in der Öffentlichkeit, Informationen im täglichen Leben und am Arbeitsplatz gleichzeitig neben den Gerüchten – und die Informationen, die man sich durch gezieltes Suchen selbst beschaffen konnte. Dabei waren unterschiedliche Wissenstände und Verhaltensweisen in der Bevölkerung zu berücksichtigen. Es gab Beteiligte, Mitläufer und kaum Interessierte. Dem gegenüber wurde die Ausübung der Gewalt vom Regime zentral gesteuert, über Planung bis zur Ausführung und schließlich Geheimhaltung.

Das Plakat zur Ausstellung. – Bürger bei einer Versteigerung jüdischen Eigentums in der Gegend von Hanau1942.Franz Weber, Medienzentrum Hanau. Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

Die hier gezeigten 300 Exponate verschiedenster Art ergeben miteinander verknüpft ein differenziertes Bild, das sich die Bevölkerung in der damaligen Zeit bei entsprechendem Interesse selbst von den Geschehnissen machen konnte.

Anschließend folgte der Beitrag von Staatsminister für Kultur, Wolfram Weimer, in dem er das Verhalten der Deutschen in und nach dem Dritten Reich beschrieb, ebenso die Verbrechen in der Öffentlichkeit und die Rolle der Reichsbahn. Die Berliner Senatorin für Kultur, Sarah Wedl-Wilson, erinnerte an den Ort der Täter in der Prinz-Albrecht-Str. 8 und an die unbeantworteten Fragen, die der vermeintlich ahnungslosen Gesellschaft nach dem Krieg gestellt wurden.

Die KuratorInnen Sabine Kritter und Dr. Christian Schmittwilken haben sich bei diesem Projekt zu Beginn die Frage gestellt, was war der Holokaust, wer waren die Deutschen und was konnten sie zu der damaligen Zeit wissen. Weiter haben sie die Entwicklung des NS-Regimes verfolgt, seine ideologische Radikalisierung, die Verfolgung zusätzlicher Minderheiten und, wie es im Verlauf des Krieges zu weiteren Massenverbrechen gekommen ist. Parallel dazu beobachten sie ab 1933 die zunehmende Deutlichkeit, in der sich das Regime in den Medien zu Verbrechen bekennt. Die Verlautbarungen bleiben aber immer im Allgemeinen und vermeiden es, Details zu nennen. Der Bevölkerung bleibt es überlassen, Fragen zu stellen und Informationen, die sie von der Front oder am Arbeitsplatz erhält, miteinander zu verknüpfen und daraus ihre Schlüsse zu ziehen. Aber auch noch nach 1945 stellte Longerich dazu fest, dass Informationen, insbesondere der Allierten, zu NS-Verbrechen als Greuelpropaganda abgetan wurden.

Die Ausstellung geht anhand von vielen unterschiedlichen Beispielen der Frage nach, was der Einzelne, wenn er denn den Wunsch gehabt hat, in Erfahrung bringen konnte. Bei wenig präzisen Informationen in der Öffentlichkeit beispielsweise durch Hören von ausländischen Radiosendern, verbunden mit der Schwierigkeit, die erhaltenen Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wenige waren dann in der Lage und bereit aus ihrem Wissen Handeln abzuleiten und praktischen Widerstand zu leisten. Sie waren sich dabei bewusst, sich selbst und seine Umgebung unmittelbarer Gefahr auszusetzen.

Bei ihrer Recherche berücksichtigten die KuratorInnen ausschließlich Unterlagen, die aus der Zeit vor 1945 stammten. Darunter auch zahlreiche Briefe und Tagebücher. Dort fanden sich z.B. ab 1942/43 häufig konkrete Schilderungen der Massenerschießungen im Osten, während die Geschehnisse in den Konzentrations- und Vernichtungslagern weitgehend verschleiert blieben. Die Ausstellung gibt Einblicke in das damalige Alltagsleben und zeigt die dabei vorhandenen Möglichkieiten, bruchstückhaft von geheimen NS-Verbrechen zu erfahren.

Der Besucher erhält bei seinem Eintritt in die Ausstellung eine Orientierung durch eine Zeitreihe von Fotos:

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1933 – Ausgrenzung dann „Arisierung“. .1935 – Raub der Menschenrechte

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1938 Öffentliche Gewalt .1939 Legitimierter Angriffskrieg

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1941 Offizielle Ausgrenzung


Mann mit „Gelbem Stern“, Hanau, undatiert. Franz Weber, Medienzentrum Hanau. Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

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1944 „Der Jude ist schuld“. Damit steht das Urteil fest.


Straßenszene mit antisemitischen Plakat „Der ist schuld am Krieg!“, Salzburg 1944. Hans Hubmann, bpk-Fotoarchiv, 30025313. Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

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In der Austellung finden sich zahlreiche andere Beispiele für Anlässe, die den Einzelnen hätten aufmerksam werden lassen können.

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1941 T4 – die staatlich geplante Ermordung von behinderten Menschen.

Die „Grauen Busse“ der T4-Aktion brachten ca. zehntausend behinderte Menschen nach Hadamar, damit sie dort in einer Gaskammer ermordet werden konnten. Wenn dann der dunkle Rauch mit dem stechenden Geruch aufstieg, war es in Hadamar ein offenes Geheimnis, dass dort Menschen ermordet worden waren.

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1941 Verbrechen der Sowjets gegen die Menschlickeit wurden veröffentlicht – die der Deutschen sollten geheim bleiben.

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1941 Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Vor den Augen der Deutschen.


Am Zaun des Lagers für sowjetische Kriegsgefangene in Wietzendorf, 1941 (Sie lebten in Erdhöhlen, bei völlig unzureichender Bekleidung und Ernährung). Privatbesitz Nachlass Heinrich Jürs, Wietzendorf. Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

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1942 Staatlich legitimierter Raub und gesellschaftliche Hehlerei


Bürger bei einer Versteigerung jüdischen Eigentums in der Gegend von Hanau 1942.Franz Weber, Medienzentrum Hanau. Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

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1943 Die Täter des Holokaust und Familienangehörige


Fotos einer Reise für Personal verschiedener Vernichtungslager nach Berlin und Potsdam, Sommer 1943, darunter Johann Niemann, stellvertretender Kommandant des Vernichtungslager Sobibor, und seiner Frau Henriette. US Holocaust Memorial Museum, Washington D.C. Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

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1940 – 1945 Die Zeugen des Holokaust und Familienangehörige

Siegfried Hille (14 Jahre) mit seinen Eltern, Martha und Gustav Hille, und seinem Bruder (1940 – 1945). (Sein Vater, als Ordnungspolizist in Mizocz eingesetzt, zeigte ihm seine Fotos von Erschießungen dort. Die Fotos gelangten schließlich auch in den Vatikan.) Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

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1939 – 1945 In der Bahn waren viel Gespräche möglich.


Aufruf, „unnötige Reisen“ zu vermeiden, Bahnhof Altona, 1944. (Zahlreiche Gelegenheiten, bei denen sich Soldaten und Zivilisten begegneten.) DB Museum Nürnberg, 2022.002154 Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

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1942 Mut und Möglichkeit zur Rettung von Menschenleben

Hermann Gräbe (4. von rechts) mit deutschen und polnischen Bürokräften und Ingenieuren der Firma Jung in Zdolbunów 1942. (Die jüdischen Mitarbeiterinnen sind an weißen Aufnähern zu erkennen. Mit gefälschten Unterlagen bewahrte er Juden vor der Deportation).
Privatbesitz Familie Graebe. Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

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1939 – 1945 Teilhabe an Verbrechen gegen die Menschlichkeit


Firmensitz der H. Kori GmbH in der Berliner Dennewitzstraße, undatiert. (Unweit vom Sitz des Reichssicherheitshauptamt in der Prinz-Albrecht-Straße. Sie stattete u.a. das KZ Lublin mit Verbrennungsöfen aus.) Privatbesitz. Gesehen in der Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen? Topographie des Terrors 2026.

Schon die hier ausgewählten Bilder zeigen, dass sich dem Einzelnen in der damaligen Zeit bei dem Wunsch nach Information viele Gelegenheiten boten, sein Wissen entscheidend zu erweitern. Ob am Arbeitsplatz, in der Kirchengemeinde, beim zivilen Einsatz in den besetzten Ostgebieten, im Gespräch mit Fronturlaubern – oder durch Beobachtungen in der Nachbarschaft, bei Zugfahrten und dem Abhören von „Feindsendern“. Fügte er die einzelnen Mosaiksteinchen zusammen, ergab sich bald ein eindeutiges Bild des Verbrechens.

Wir empfehlen den Besuch dieser Austellung ( – 31. Januar 2027). Es werden Begleitveranstaltungen und Führungen angeboten.
red-