Versteckt-Verschlossen-Vergessen. . . . Ein Projekt Teil 1. Die Vermögensverwertungsstelle

Die Vorgeschichte

Die versteckte Gedenktafel für die „Vermögensverwertungsstelle“. (Ausstellung)

Die Ausstellung zieht ins Französischen Gymnasium.

Wir nehmen die Gedenktafel in Obhut.

Neuigkeiten vom Bauprojekt

Der Abschluss des Projektes am 12. Oktober 2026

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Die Vorgeschichte

Vor dem Hintergrund des Gedenkortes Güterbahnhof Moabit und des Mahnortes Synagoge Levetzowstraße beschäftigten wir uns auch mit den vorhandenen Tiergartener Gedenktafeln.
Dabei stießen wir auf die Örtlichkeit und die Geschichte der „Vermögensverwertungsstelle“ und der dafür aufgestellten Gedenktafel. Ein Besuch am Ort der früheren „Vermögensverwertungsstelle“ und der kaum auffindbaren Gedenktafel rief erst einmal Gefühle wie Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit über den Umgang mit der NS-Zeitgeschichte wach. Die genaue Schilderung der Einzelheiten zu der dort vorgefundenen Gedenktafel folgt unten.
Die Tafel wurde Mitte der achtziger Jahre von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA e. V.) initiert und endlich 1994 dort aufgestellt. Auch nach fast zwanzig Jahren später hat niemand an ihrer fragwürdigen Platzierung Anstoß genommen. Oder sollte seitdem niemand mehr die Gedenktafel gesucht bzw. gefunden haben? Wir mochten uns mit diesem verstörenden Zustand nicht abfinden und überlegten, wie wir ihn verändern könnten. Öffentliche Aufmerksamkeit ist in diesem Fall immer ein guter Weg.

Die Berliner Gedenktafel für die Vermögensverwertungsstelle. April 2018. TAL

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Die versteckte Gedenktafel für die „Vermögensverwertungsstelle“

Deshalb entwickelten wir eine Unterrichtseinheit und ein Konzept für eine Exkursion. Für dieses Angebot konnten wir beim Französischen Gymnasium (FG) Interesse finden. Im Sommer 2020 stellten wir das Thema in der Schule vor. Im September 2021 folgte schließlich pandemiebedingt die eigentliche Exkursion.

Im Oktober 2021 präsentierten wir mit den SchülerInnen diese unbefriedigende Situation und ihre Eindrücke in einer kleinen Ausstellung vor dem Rathaus Tiergarten.
Die Ausstellung war Teil unseres größeren Projektes Versteckt – Verschlossen – Vergessen , das wir weiter verfolgen.
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Das Projekt wird von der Landeszentrale für politische Bildung gefördert und vom Auswärtigen Amt unterstützt

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.Ausstellung im Oktober 2021 in der Vitrine vor dem Rathaus Tiergarten
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Die Berliner Gedenktafel in der Elisabeth Abegg-Straße. TAL

Die Ausstellung war in der Zeit vom 1.- 30.Oktober 2021 in der Vitrine vor dem Rathaus Tiergarten am Mathilde Jacob-Platz 1, 10551 Berlin ganztägig zu sehen.

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Die Ausstellung zieht ins Französischen Gymnasium

Am 9. Dezember 2021 haben wir den Teil der Ausstellung, der die Vermögensverwertungsstelle betrifft, im Französischen Gymnasium neu aufgebaut. Sie war dann im Januar 2022 Teil des virtuellen Tags der Offenen Tür der Schule.

Im Dezember 2021 ist die Ausstellung ins Französische Gymnasium umgezogen und wird dort weiter aktualisiert. TAL

Gleichzeitig berichteten wir den Schülerinnen und Schülern , dass der gerade ernannte Bundesfinanzminister Christian Lindner verabredungsgemäß noch im Dezember einen Brief von uns und im Namen der SchülerInnen erhalten würde. In ihm bäten wir ihn, sich für die schon lange überfällige Umsetzung der Gedenktafel in die Straße Alt Moabit einzusetzen. Wir würden die Schüler vom weiteren Fortgang der Angelegenheit informieren.

Am 10.Februar 2022 erhielten wir aus dem Bundesfinanzministerium die Antwort. Wegen einer Rückfrage bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hatte sich offensichtlich die Bearbeitung unseres Schreibens verzögert.
Das Ministerium teilte unsere Ansicht, dass der jetzige Aufstellungsort für die Erinnerungstafel unangemessen sei und im Zusammenhang mit dem geplanten Neubau eines Bürogebäudes verändert würde. Die SchülerInnen des Französischen Gymnasium und Gleis 69 e.V. sollten bei dem weiteren Vorgang mit eingebunden werden.


Inzwischen hatten wir Arbeiten auf dem Grundstück der ehemaligen Vermögensverwertungsstelle beobachtet, die offensichtlich einer Bauvorbereitung dienten. Dabei erfuhren wir von Anliegern, dass es sich um einen Neubau für den Bundespräsidenten handelte, der 2025 seinen renovierungsbedürftigen Dienstsitz im Schloss Bellevue vorübergehend verlassen müsste. Auf unsere Anfrage beim Bundespräsidialamt erhielten wir dann am 10. Februar 2022 eine gleichlautende Bestätigung.

Auf dem Gelände der ehemaligen Vermögensverwertungsstelle besteht bereits Baufreiheit. Januar 2022. TAL

Wir nehmen die Gedenktafel in Obhut.

Nach einem längeren Mailwechsel erhielt Gleis 69 e.V. von der Koordinierungsstelle Historische Stadtmarkierungen / Aktives Museum den Auftrag, die Gedenktafel in Obhut zu nehmen.
Von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben wurden wir informiert, dass die Tiefbauarbeiten bereits im Mai 2022 begännen.
Bei einer Vorortuntersuchung stellten wir fest, dass sich die Tafel nicht einfach abschrauben lässt. Die Schraubköpfe waren vorsorglich unter der mit einem Kleber befestigten Tafel verborgen. Um die Tafel beim Abbau nicht zu beschädigen, entschieden wir uns deshalb dafür, die Haltestangen knapp unterhalb der Tafel zu durchtrennen.
Am 30. März 2022 kam die benachbarte Feuerwache Tiergarten mit ins Spiel. Der Wachleiter sagte uns seine technische Unterstützung zu und meldete sogar den entsprechenden Einsatzleitwagen für einen kurzen Zeitraum ab. So konnten die Feuerwehrleute ungestört die kräftigen Rohre durchtrennen.

Ein letztes Foto vor der schon abgedeckten Tafel. GiP
Dann kommen die Feuerwehrleute mit schwerem Gerät. DaZ

Die Aktion verlief ohne irgendwelche Probleme. Die SchülerInnen des Französischen Gymnasiums und ihre Lehrerin beobachteten auf merksam das Geschehen,  ebenso die VertreterInnen des Bundespräsidialamtes, des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und des Vereins Gleis 69.

Anschließend haben wir die Tafel wie verabredet in Obhut genommen.

Zurück bleiben die Stangen, die jetzt keinen Anstoß mehr erregen. TAL
Das mediale Echo im Tagesspiegel vom 4. April 2022. TAL

Neuigkeiten vom Bauprojekt.

Am 30. März 2023 fand ein Workshop im FG mit Frau Krumbholz von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) und Gleis 69 e.V. statt, bei dem die beteiligten SchülerInnen Aktuelles zum Interimsbau für den Bundespräsidenten erfuhren.

Am 13.01.2024 stellten die am Projekt beteiligten SchülerInnen die ergänzte Ausstellung am Tag der Offenen Tür interessierten Eltern vor.

23.06.22. Bürogebäude Bundesbehörden. 02_c_Sauerbruch-Hutton-Architekten_Web.
Interimsgebäude für den Bundespräsidenten.

Im November 2024 erfuhren wir von Frau Krumbholz, Architektin beim Bundesamt für Immobilienaufgaben, dass das temporäre Bundespräsidialamt in der ersten Hälfte 2026 bezogen würde.

Bürogebäude für Bundesbehörden (Temporärer Sitz des Bundespräsidenten). Sauerbruch Hutton Architekten. Nov 2024. TAL.

Am 18.Januar 2025 hatten wir die Gelegenheit beim Tag der Offenen Tür im FG einer neuen Gruppe von Schülerinnen und Schülern das Projekt vorzustellen. Die ursprüngliche Schülergruppe, mit denen wir das Projekt begonnen hatten, befand sich mittlerweile in den Vorbereitungen fürs Abitur. Bei der Gruppe aus einer 10. Klasse stießen wir auf ein erfreulich lebhaftes Interesse für das Thema.

Bei Sauerbruch Hutton Architekten. TAL

Am 11. Februar 2025 fand ein Besuch im Architektenbüro von Sauerbruch Hutton statt. Dort erklärten Architektinnen der Schülergruppe des FG die Konstruktion und die Aufgaben des Neubaus. Anschließend besuchten die SchülerInnen die Baustelle und beteiligten sich daran, den neuen Ort für die Gedenktafel festzulegen.

Der verabredete neue Ort für die Berliner Gedenktafel am Eingang des Bundespräsidialgebäudes. TAL
Die SchülerInnen des FG mit dem Foto der Gedenktafel März 2025. AK

Jetzt bereiten wir uns auf das Frühjahr 2026 vor und freuen uns darauf, dass die Gedenktafel dann am gewünschten Ort angebracht und ein zweites Mal enthüllt wird.

Mittlerweile hat sich der Einzug des Bundespräsidialamtes in den Herbst 2026 verschoben, da es witterungsbedingt zum Verzug bei den Bauarbeiten gekommen war. Dafür laufen jetzt Gespräche zur Gestaltung der Zweitenthüllung zwischen Bundespräsidialamt, Französischem Gymnasium und Gleis 69 e.V.

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Rahmen für die Berliner Gedenktafel am künftigen Bundespräsidialamt
zur Erinnerung an die Vermögensverwertungsstelle. Mai 2026. TAL

Nachdem wir im März 2026 durch Zufall feststellen mussten, dass die Lücke in der Fassade nicht an der verabredeten Stelle angebracht worden war, konnten wir den Fehler mit einer schnellen Intervention durch Astrid Krumbholz von der BIMA beseitigen lassen. Im Mai 2026 haben wir uns davon überzeugt, dass der Rahmen für die Gedenktafel in der verabredeten Höhe und dem festgelegten Abstand vom Eingang angebracht worden ist. So wird auch der Blick für alle Besucher unwillkürlich auf die Tafel fallen.

.Jetzt steht der Termin für die Zweitenthüllung am 12.10.2026 am Bundespräsidialamt endgültig fest.
Vorher werden Schülerinnen und Schüler des Französischen Gymnasiums eine szenische Lesung nach dem Buch „Bürokratie des Todes“ von Kurt Schilde präsentieren. Da diese Veranstaltung nur presseöffentlich ist, hoffen wir auf eine entsprechende Teilnahme.
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Der Abschluss des Projektes am 12. Oktober 2026

Nach der Zweitenthüllung am Bundespräsidialamt erinnert die Berliner Gedenktafel wieder an die Vermögensverwertungsstelle. Dieses Mal an der richtigen Stelle und in einer angemessenen Umgebung. Nach acht Jahren Projektarbeit sind wir erleichtert und erfreut zugleich.

Die Berliner Gedenktafel, die an die verbrecherische Arbeit der Vermögensverwertungsstelle erinnert, wird am 12. Oktober 2026 ein zweites Mal enthüllt. Vorher wenige Meter weiter kaum auffindbar in der Feuerwehreinfahrt – jetzt am Eingang des neuen Bundespräsidialamtes. Der Name – Vermögensverwertungsstelle – ein nationalsozialistisches Unwort. Die Tätigkeit dieser Finanzverwaltung – sie löst bei der Recherche ein Frösteln aus.

März 2018 – zwischen diesen beiden Fotos . . . .
. . . . . liegen fast 8 Jahre – Oktober 2026. TAL

Die Berliner Gedenktafel – wir hatten sie 2021 vor Beginn der Bauarbeiten für das neue Budespräsidialamt in Obhut genommen. Diese Gedenktafel hat eine eigene Geschichte. Sie ist hier auf unserer Website nachzulesen. Fast acht Jahre liegen zwischen unserer ersten Begegnung mit der Gedenktafel und der heutigen Wiederenthüllung. Es lohnt sich, dem Schulprojekt, das wir mit dem Französischen Gymnasium in dieser Zeit entwickelt haben, nachzugehen.

Wir bedauern, dass die heutige Veranstaltung nur presseöffentlich stattgefunden hat. Wir hätten uns gewünscht, dass eine größere Schülergruppe aber auch VertreterInnen des VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten), die sich schon in den achtziger Jahren für diese Tafel eingesetzt haben, an der Veranstaltung hätten teilnehmen können. Das Bundespräsidialamt wird für das kleine Format seine Gründe gehabt haben.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. TAL

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ging in seiner Rede auf die verbrecherische Tätigkeit der damaligen Finanzverwaltung ein und auf unser mehrjähriges Schulprojekt:

Seien Sie alle ganz herzlich willkommen im Amtssitz am Spreebogen! Im Sommer haben meine Mitarbeiter, meine Frau und ich diesen Neubau bezogen. Seitdem repräsentiert er als Sitz des Bundespräsidenten unsere vielfältige Gesellschaft und unsere liberale Demokratie. Und er steht für ein Deutschland, das die Erinnerung an die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten wachhält und historische Verantwortung übernimmt.

Heute machen wir dieses Gebäude selbst zu einem Ort der Erinnerung. Ich freue mich, dass wir nachher gemeinsam am Haupteingang die Gedenktafel enthüllen, die an die Vermögensverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg erinnert – eine in den Holocaust verstrickte Finanzbehörde des NS-Regimes, die zwischen 1942 und 1945 hier auf dem Grundstück untergebracht war, im ehemaligen Gebäude des Zollpackhofs.

Sie alle, liebe Gäste, haben mitgeholfen, dass diese Gedenktafel nach mehr als drei Jahrzehnten endlich da hängt, wo sie hingehört: an einem würdigen und vor allem öffentlich sichtbaren Platz. Das ist Ihr gemeinsames Verdienst, herzlichen Dank für Ihr aller Engagement!

Als 2022 hier an der Elisabeth-Abegg-Straße die Tiefbauarbeiten begannen, wurden die gemauerten Fundamente des Packhofgebäudes freigelegt. Man fand darin eine Hitlerbüste aus Marmor. Gut möglich, dass die Büste einst in einem Büro der Vermögensverwertungsstelle stand.

Der Fund führt uns mitten hinein in die dunkle Vorgeschichte dieses Ortes. Nach dem Beginn der systematischen Deportationen von Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager in Osteuropa nahm die Vermögensverwertungsstelle hier auf dem Grundstück ihre Arbeit auf. 200 Mitarbeiter registrierten, beschlagnahmten, versteigerten und verkauften das Hab und Gut von Jüdinnen und Juden – und auch von Sinti und Roma und Widerstandskämpfern –, die aus Berlin und Brandenburg verschleppt worden waren.

Sie waren Schreibtischtäter in der bürokratischen Maschinerie des Massenmords, die für den NS-Staat legalisierten Raub begingen, ob aus Autoritätshörigkeit, Karrierestreben oder menschenfeindlicher Gesinnung. In enger Zusammenarbeit mit der Gestapo erbeuteten sie wirklich alles, was die Verschleppten nach Jahren der Entrechtung und Ausplünderung noch zurückgelassen hatten: Wohnungen, Möbel, Teppiche, Gemälde, Bücher, Geschirr, Kleidung, bis hin zur letzten Waschschüssel. Manches davon wurde zur Ausstattung von Ämtern, Erholungsheimen und Schulen der Finanzverwaltung genutzt, alles Übrige wurde zu Geld gemacht – der Erlös floss in die Staatskasse.

Die 40.000 erhaltenen Akten zeigen auch, wie viele Deutsche von der Vermögensverwertungsstelle profitierten und sich am geraubten Vermögen bereicherten. Spediteure, Gutachter, Versteigerer und Händler arbeiteten mit der Behörde zusammen. Bürgerinnen und Bürger feilschten um den Hausrat ihrer abtransportierten Nachbarn. Ob aus Hass, Habgier, Gleichgültigkeit oder einfach nur, weil die Gelegenheit günstig war: Viele, sehr viele wurden damals zu Mittätern, Mitwissern und Profiteuren.

Wir wollen heute an die Verbrechen der Vermögensverwertungsstelle erinnern und ihrer Opfer gedenken. Sie, lieber Herr Dr. Bajohr, werden uns gleich mehr von den Aufgaben und dem Personal dieser furchtbaren Behörde berichten. Und Sie, liebe Schülerinnen und Schüler, werden in szenischer Lesung das Schicksal der jüdischen Familie Fenichel aus Tempelhof wachrufen, die 1942 nach Riga deportiert, enteignet und ermordet wurde. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie Menschen, die in den Akten hinter Kürzeln, Amtsdeutsch und Tarnsprache verschwanden, ihr Gesicht zurückgeben.

Erinnerungskultur braucht beides, Tätergeschichte und Opfergedenken. Und sie braucht Menschen, die sich mit der Vergangenheit ihres eigenen Stadtviertels oder Dorfes beschäftigen. Sie braucht Menschen wie Sie, lieber Herr Dr. Abel, liebe Frau N’Sondé, liebe Schülerinnen und Schüler! Schon seit 2021 arbeitet der Verein Gleis 69 mit dem Französischen Gymnasium zusammen, um die Geschichte der Vermögensverwertungsstelle lebendig zu halten. Mehrere Jahrgänge von Schülerinnen und Schülern haben sich dafür eingesetzt, dass die Gedenktafel, die lange versteckt, verschlossen und vergessen war, einen neuen Platz bekommt. Und Sie gemeinsam haben etwas bewirkt!

Historische Verantwortung beginnt an der eigenen Haustür. Als Bundespräsident war es mir wichtig, auch die Geschichte meines Amtes und der dazugehörigen Gebäude zu durchleuchten. 2018 haben wir das Schicksal der jüdischen Vorbesitzer der Dienstvilla in Dahlem, Hugo und Maria Heymann, aufarbeiten lassen und dort, in der Pücklerstraße, eine Gedenkstele aufgestellt. Und wir haben später den Historiker Norbert Frei beauftragt, den Umgang der Bundespräsidenten mit der NS-Vergangenheit erstmals zu untersuchen.

Dass die Gedenktafel zur Vermögensverwertungsstelle nun hier unten an der Fassade hängt, reiht sich ein in diese Bemühungen und setzt ein klares Zeichen: Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Holocaust und Massenmord bleibt nicht nur wichtig, sondern Aufarbeitung gehört zur Identität unseres Landes. Wir vergessen das Unrecht nicht, und wir verdrängen es nicht. Denn was sich nicht wiederholen soll, das darf nicht vergessen werden!

Die Geschichte der Vermögensverwertungsstelle mahnt uns zur Wachsamkeit. Unser demokratischer Staat braucht Staatsdiener, die Verantwortung für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie übernehmen. Und er braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich dafür einsetzen, dass Regierung und Verwaltung nicht in die Hände der Verächter der Demokratie fallen.

In einer Zeit, in der die Erinnerungskultur politisch so umkämpft ist, dass ihr manchmal die Geschichte verloren geht, in solchen Zeiten brauchen wir mehr Geschichte. Deshalb freue ich mich jetzt auf Ihre Vorträge und Ihre Lesung – und dann natürlich auf die gemeinsame Enthüllung der Gedenktafel.

Schön, dass Sie heute hier sind, ich danke für die Bemühungen all der vergangenen Jahre.

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Prof. Dr. Frank Bajohr. TAL

Anschließend beschrieb Prof. Dr. Frank Bajohr, ein ausgewiesener Kenner der neueren Geschichte und des Nationalsozialismus, auf die Organisation und Tätigkeit der Vermögensverwertungsstellen ein (der Redebeitrag wird hier ebenfalls in Kürze erscheinen).

Dr. Thomas Abel von Gleis 69 e.V.. ESI

Dr. Thomas Abel von Gleis 69 e.V. nutzte seinen Redebeitrag für einen Dank an alle UnterstützerInnen, die den erfolgreichen Abschluss des Projektes erst möglich gemacht hatten. Das waren vor allem Nora Hogrefe vom Aktiven Museum, Stefanie N´Sondé und ihre SchülerInnen vom Französischen Gymnasium und Astrid Krumbholz von der Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten. Und er gab den Anwesenden die Frage mit, warum erst ein zivilgesellschaftlich engagierter Verein kommen musste, um nach 20 Jahren an dem für diese Gedenktafel deplatzierten Ort Anstoß zu nehmen und sich für eine Änderung einzusetzen.

Stefanie N´Sondé bei der Moderation der szenischen Lesung. TAL
SchülerInnen des Französischen Gymnasiums bei der szenischen Lesung. TAL
Die aufmerksame Gäste. TAL

Bei der anschließenden szenischen Lesung trugen SchülerInnen des Französischen Gymnasium Texte nach dem Buch „Bürokratie des Todes“ von Kurt Schilde vor. Diese Texte beschreiben das Schicksal der jüdischen Familie Fenichel und ihre Ausplünderung durch die Vermögensverwertungsstelle, nachdem sie in Auschwitz ermordet worden ist.

Horst und Ilse Fenichel wohnen mit ihren Kindern Joel und Judis in der Boelckestraße in Tempelhof.
Die Familie betreibt in zweiter Generation ein Handelsgeschäft für Uhrmacherwerkzeuge,
Mit dem Judenboykott 1933 verschlechtert sich zusehends ihre Geschäftslage.
1938 muss der Firmenwagen zwangsweise verkauft werden.
1938 wird ihre Firma arisiert.
1939 verkauft die Familie ein Mietshaus, um die Judenabgabe von 75 000 RM zu bezahlen.
1939 zahlen Horst Fenichel und sein Vater 27 000 RM Reichsfluchtsteuer für die
Emigration seiner Schwester.
1939 heiraten Horst und Ilse
seit 1939 muss Horst bei der Reichsbahn Zwangsarbeit leisten, er erhält dafür den
Juden-Regellohn von 58 Pfennig
Im Dezember 1942 wird die Familie Fenichel in das Sammellager Große Hamburger Straße
gebracht und am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert.
Ihre Namen erscheinen auf der Transportliste Blatt 37 des 25. Osttransportes.
Von den 813 Menschen dieses Transportes hat keiner überlebt.

…..

Im Dezember 1942 erhält der Oberfinanzpräsident von Berlin-Brandenburg eine Kopie dieser Transportliste. In der Vermögensverwertungsstelle wird die Karteikarte O 5205 – 39/22 520 angelegt.

O 5205 steht für Übernahme von Vermögen zugunsten des Deutschen Reichs,

39 kennzeichnet die Deportationswelle und

22 520 ist die Registriernummer von Horst Fenichel und seiner Familie

Auf dieser Karte werden jetzt genau die Einnahmen und Ausgaben bei der Abwicklung des Familienvermögens vermerkt.

Am 4.März 1943 mahnt das Finanzamt Tempelhof bei der Vermögensverwertungsstelle eine Steuerschuld von Horst Fenichel über 21 RM an und erhält nach längerem Schriftwechsel am 29.04.1944 eine Abschlusszahlung über 7,20 RM

……

Am 25. April 1943 schätzt der Obergerichtsvollzieher Bleich den Hausrat der ermordeten Familie Fenichel auf 1590 RM, er zieht seine Kosten von 53,10 ab und zur Sicherheit einen weiteren Betrag von 20 %.

Am 4.11.1943 geht die Einzahlung bei der Vermögensverwertungsstelle über 1272 RM ein.

Am 30.7.43 wird auf der Karteikarte eine Rückzahlung der BEWAG zugunsten der Familie Fenichel nach der Abschlussrechnung von 30,46 RM eingetragen.

Am 12.08.1943 wird die Deutsche Bank aufgefordert, das Bankkonto von Horst Fenichel aufzulösen. Die Vermögensverwertungsstelle erhält am 2.10. 1943 aus der Auflösung des Bankkonto von Horst Fenichel einen Betrag von 1659,65 RM.

Am 21.August 1943 geht eine Rückzahlung der GASAG zugunsten der Familie Fenichel über 39,81 RM ein.

…..

Am 7.Oktober 1943 werden von der Vermögensverwertungsstelle aus dem Vermögen der Familie Fenichel für Reparaturen am Haus Boelckestraße 3000 RM angewiesen.

Seit dem 15. November 1943 mahnt der Kohlenhändler Wendland die Bezahlung einer Lieferung aus dem November 1942 an. Nach weiteren Mahnungen erhält er schließlich am 6. März 1944 den fälligen Betrag von 47,25 RM.

Am 4. Februar 1944 wird der Hausverwaltung für ihre Tätigkeit für das HausBoelckestraße 60 RM überwiesen.

Am 19. Mai 1944 erhält der Kammerjäger Heyne für seine Arbeit im Haus Boelckestraße 229,40 RM .

….

In Saldo ergibt sich eine Summe von 1796,88 RM zu Lasten des Reiches –
ohne Berücksichtigung der Immobilien der Familie Fenichel und ihrer vorher geleisteten Zahlungen.

Auch nach der Kapitulation im Mai 1945 geht die Arbeit in der Finanzverwaltung weiter,
die Dienststelle heißt jetzt Vermögensverwaltungsstelle.

Im Oktober 1945 erfolgt eine Vermögensaufstellung der ermordeten Familie Fenichel.

Dabei wird festgestellt, dass die zwei der Familie geraubten Grundstücke auf das Deutsche Reich überschrieben worden sind.

Bis zum November 1945 gibt es wegen der Hypothekentilgung für das geraubte Wohnhaus in der Boelckestraße einen weiteren Schriftwechsel mit der Hausverwaltung und der Wohnungsbau-Kreditanstalt.

Dabei zeigten die SchülerInnen großformatige Fotos der Familie Fenichel.

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Schülerinnen befestigen weiße Rosen an den Fotos der Familie Fenichel
als Zeichen dafür, dass sie Anfang 1943 ermordet worden ist. TAL
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender
bedanken sich bei den SchülerInnen für die Darbietung. TAL

Danach fand die eigentliche Enthüllung der Gedenktafel am Eingang des Gebäudes statt. Der Bundespräsident und Thomas Abel entfernten gemeinsam das entsprechende Tuch.

Vor der Enthüllung. ESI
Die Gedenktafel ist enthüllt. ESI


Beim folgenden Empfang nutzten Matthias Schirmer vom rbb und Dr. Sebastian Engelbrecht vom Dlf die Gelegenheit mit den SchülerInnen ins Gespräch zu kommen.

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Sebastian Engelbrecht hat uns bereits seinen Text geschickt: Sebastian Engelbrecht für Dlf / Informationen am Morgen 12.10.2026. Gesendet am 13.10.2026 im Deutschlandfunk.

Steinmeier gedenkt mit Schülern der Enteignung von Juden in Berlin

Moderation: Im Sommer ist Bundespräsident Steinmeier umgezogen. Das Schloss Bellevue wird saniert. Steinmeier residiert jetzt übergangsweise in einem Neubau, im „Amtssitz am Spreebogen“, nicht weit vom Berliner Hauptbahnhof. An diesem Ort befand sich von 1942 bis 45 die „Vermögensverwertungsstelle“ für Berlin und Brandenburg – eine Finanzbehörde, die die Enteignung der ausgewanderten oder ermordeten Juden und anderer Minderheiten betrieb. Dieser Vergangenheit des neuen Amtssitzes hat sich Frank-Walter Steinmeier jetzt gestellt. Sebastian Engelbrecht berichtet.

Der Amtssitz des Bundespräsidenten steht auf historisch kontaminiertem Boden. Frank Walter Steinmeier selbst will das aufarbeiten, lädt Engagierte, einen Historiker, Schülerinnen und Schüler ein. Denn hier stand früher ein preußisches Finanzamt. Und in diesem Haus saßen in den letzten drei Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft die Beamten der „Vermögensverwertungsstelle“ beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg.

O-TON STEINMEIER 2: „200 Mitarbeiter registrierten, beschlagnahmten, versteigerten, verkauften das Hab und Gut von Jüdinnen und Juden, auch von Sinti und Roma, von Widerstandskämpfern – denen, die aus Berlin und Brandenburg verschleppt worden sind. Sie waren, die Mitarbeiter, Schreibtischtäter in der bürokratischen Maschinerie des Massenmords, die für den NS-Staat legalisierten Raub begingen.“

Das NS-Regime bereicherte sich systematisch, indem es das Eigentum vor allem von Jüdinnen und Juden erbeutete: Wohnungen, Möbel, Teppiche, Gemälde, Bücher, Geschirr und Kleidung.

Am Amtssitz des Bundespräsidenten, einem geschwungenen Bürogebäude mit bunter Fassade, kommt nun keiner mehr an dieser Geschichte vorbei. Denn neben dem Eingang zeugt eine „Berliner Gedenktafel“ von der Geschichte des Ortes. Die Tafel existierte schon länger, seit 1994, als sich hier noch eine Brache befand. Sie war lange in einer hinteren Ecke des Grundstücks aufgestellt, wo sie fast niemand sah. Acht Jahre lang bemühte sich Thomas Abel vom Verein „Gleis 69“, die Tafel öffentlichkeitswirksam neu zu platzieren.

O-TON ABEL 1: „Warum war es notwendig, dass ein kleiner, zivilgesellschaftlich engagierter Verein kommen musste, um diesen Skandal, so habe ich das empfunden, der praktisch unterschlagenen Gedenktafel zu beenden?“

… fragt Abel. Schülerinnen und Schüler des Französischen Gymnasiums in Berlin beschäftigten sich in den vergangenen Jahren mit der Geschichte des Ortes. Sie schrieben mit Abel an das Bundesfinanzministerium und forderten, die Tafel sichtbar aufzustellen. Zu ihnen gehören die 17jährigen Lucy von Daniels und Anna-Leandra Riedel.

O-TON LUCY 1: „Ich fand es natürlich auch sehr spannend, wirklich auf der Baustelle, auf dem Rohbau mit dabei gewesen zu sein, um wirklich von Anfang an zusehen, wo die Tafel stand, wo sie jetzt hinkommt.“

O-TON ANNA-LEANDRA 1: „Ich finde auch, dass es sehr wichtig ist, auch an den Holocaust zu denken und darüber zu sprechen, weil ich weiß: Dafür schämt man sich, und das ist auch ein sehr unschönes und furchtbares Thema. Jedoch bleibt es wirklich unsere Geschichte aus Deutschland, und deshalb müssen wir uns damit auf jeden Fall befassen. Das darf nicht ignoriert oder vergessen werden.“

In einer szenischen Lesung erinnern acht Schülerinnen an die Enteignung und an die bürokratische Abwicklung des Eigentums der vierköpfigen jüdischen Familie Fenichel aus Berlin-Tempelhof. Alle vier wurden nach Riga deportiert und dort ermordet. Die Schüler zeigen Bilder der Familie und heften an jedes eine weiße Rose.

O-TON STEINMEIER 1: „Die Erinnerung an Nationalsozialismus, Holocaust und Massenmord bleibt nicht nur wichtig, sondern Aufarbeitung gehört zur Identität unseres Landes. Wir vergessen das Unrecht nicht, und wir verdrängen es nicht. Denn was sich nicht wiederholen soll, das darf nicht vergessen werden.“

… sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, kurz bevor er die Gedenktafel an seinem Amtssitz enthüllt.

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Am 14.10.2026 war dazu auch ein Beitrag von Matthias Schirmer im Inforadio des rbb zu hören

red-

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