Versteckt-Verschlossen-Vergessen. . . . Ein Projekt Teil 1. Die Vermögensverwertungsstelle

Die Vorgeschichte

Die versteckte Gedenktafel für die “Vermögensverwertungsstelle”.

Die Suche nach der Gedenktafel.

Zeitungsartikel zur Gedenktafel für die “Vermögensverwertungsstelle”.

Nach der Exkursion am 22.09.2021.

Ausstellung: Die vergessene Gedenktafel in Tiergarten.

Die Ausstellung zieht ins Französischen Gymnasium.

Wir nehmen die Gedenktafel in Obhut.

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Die Vorgeschichte

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Vor dem Hintergrund des Gedenkortes Güterbahnhof Moabit und des Mahnortes Synagoge Levetzowstraße beschäftigten wir uns auch mit den vorhandenen Tiergartener Gedenktafeln.
Dabei stießen wir auf die Örtlichkeit und die Geschichte der “Vermögensverwertungsstelle” und der dafür aufgestellten Gedenktafel. Ein Besuch am Ort der früheren “Vermögensverwertungsstelle” und der kaum auffindbaren Gedenktafel rief erst einmal Gefühle wie Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit über den Umgang mit der Geschichte der NS-Zeit wach. Die genaue Schilderung der Einzelheiten zu der dort vorgefundenen Gedenktafel folgt unten.
Die Tafel wurde 1994 dort aufgestellt. Heute über zwanzig Jahre später sind wir offenbar noch nicht weiter. Oder sollte seitdem niemand mehr die Gedenktafel gesucht bzw. gefunden haben? Wir mochten uns mit diesem verstörenden Zustand nicht abfinden und überlegten, wie wir ihn beenden könnten. Öffentliche Aufmerksamkeit ist in diesem Fall immer ein guter Weg. Deshalb entwickelten wir eine Unterrichtseinheit und ein Konzept für eine Exkursion. Für dieses Angebot konnten wir im Französischen Gymnasium Interesse finden. Im Sommer 2020 stellten wir das Thema in der Schule vor. Im September 2021 folgte schließlich pandemiebedingt die eigentliche Exkursion.

Im Oktober 2021 präsentierten wir diese unbefriedigende Situation und die Eindrücke der SchülerInnen in einer kleinen Ausstellung vor dem Rathaus Tiergarten.
Die Ausstellung war Teil unseres größeren Projektes Versteckt – Verschlossen – Vergessen , das wir weiter verfolgen.

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Das Projekt wird von der Landeszentrale für politische Bildung gefördert und vom Auswärtigen Amt unterstützt

Mit den Berliner Gedenktafeln beschäftigen wir uns bereits seit 2014, als wir die Gedenktafel für
Prof. Heinrich Finkelstein an dem ehemaligen Weddinger Kinderkrankenhaus initiierten.
2018 sorgten wir vor dem Abriss des Weddinger Gesundheitsamtes für die Verwahrung der dort angebrachten Gedenktafel für den Stadtarzt Salo Drucker.
2019 regten wir eine Berliner Gedenktafel für die Schriftstellerin Gabriele Tergit an. Sie soll jetzt 2022 enthüllt werden.
2021 beantragten wir eine Berliner Gedenktafel für die Malerin Charlotte Berend-Corinth
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Die versteckte Gedenktafel für die “Vermögensverwertungsstelle”

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Die Berliner Gedenktafel in der Elisabeth Abegg-Straße. TAL

Die Vermögensverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg:
Diese Behörde war ursprünglich ein Teil des Finanzamtes Moabit West in der Luisenstraße. Sie bearbeitete Ausbürgerungsfälle von deutschen Bürgern, die aus dem Deutschen Reich auswanderten. Dabei zog sie auch die sogenannte Reichsfluchtsteuer ein.
Im Oktober 1941 begann das nationalsozialistische Regime mit den systematischen Deportationen der Juden aus dem Deutschen Reich. In diesem Zusammenhang wurde die Ausbürgerungsabteilung nach
Alt Moabit 143 verlegt und ging dort in der am 1.Januar 1942 neu geschaffenen Vermögensverwertungsstelle
beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg auf. Ihre Leitung übernahm der zum Oberregierungsrat beförderte Willy Böttcher.
Ihre Aufgabe bestand darin, das gesamte Hab und Gut der geflohenen oder deportierten Juden zum Vorteil des Deutschen Reiches und seiner NS-Institutionen zu beschlagnahmen. Dazu arbeitete sie mit der Polizei, der Gestapo und der SS, dem Zoll und allen anderen staatlichen Institutionen, aber auch Banken, Vermietern, Versteigerungshäusern und Trödlern zusammen.
Es wurde alles beschlagnahmt, eingezogen und verkauft: Vom Grundbesitz über Geldvermögen, Kunst-gegenständen, Wohnungseinrichtungen bis zu Garderobe und Kinderkleidung.
Nach vorsichtigen Schätzungen wurden bei der sogenannten “Aktion 3” den Juden und Jüdinnen Deutschlands Vermögenswerte von umgerechnet ca. 15 Milliarden Euro geraubt.

Bereits in den achtziger Jahren war die Rolle der “Vermögensverwertungsstelle” beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg ausreichend bekannt und erforscht. Sie war genuiner Teil der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Ausplünderungsmaschinerie, die oft in vorauseilendem Gehorsam und mit erschreckender Kreativität ihre bürokratischen Werkzeuge gegen die deutschen Jüdinnen und Juden anwandte.
Nachdem schließlich an diesem historischen Ort eine Berliner Gedenktafel an ihre menschenfeindliche Tätigkeit erinnern sollte, fand in der Berliner Nachkriegszeit um diese Tafel ein beschämendes Schauspiel statt. Es ist hier dokumentiert.
Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis nach der Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes 1994 die Tafel am historischen Ort in Alt Moabit 143 aufgestellt werden sollte. Stattdessen wurde sie auf den Einspruch von Oberfinanzpräsident Ingo Trendelenburg (s. Zeitungsartikel) an der Einfahrt zur Feuerwache in der Elisabeth Abegg-Straße* versteckt. Sie war dort für Ortsunkundige praktisch nicht auffindbar.
Dieser skandalöse Zustand hielt bis jetzt unverändert an. Deshalb haben wir eine Exkursion für den virtuellen und analogen Gebrauch entworfen und sind mit Schülerinnen und Schülern des Französischen Gymnasiums Tiergarten diesen Weg abgegangen. Zuletzt im September 2021. Ihre Eindrücke haben die SchülerInnen hier in einer aktuellen Dokumentation festgehalten. Sie war inzwischen Teil einer Ausstellung vor dem Rathaus Tiergarten (Oktober 2021) und ist seit Dezember 2021 im Französischen Gymnasium selbst zu sehen.

* Elisabeth Abegg, * 3.3.1882 Straßburg, † 8.8.1974 Berlin, Historikerin, Pädagogin, Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime. Sie unterrichtete u.a. am Luisen-Gymnasium, das auch Ernst Boris Chain besuchte. Sie versteckte und half jüdischen und politisch verfolgten Menschen, die so fast alle überleben konnten.
Sie hätte es mit Sicherheit nicht zugelassen
, dass die Gedenktafel in diesem Ort so versteckt aufgestellt wird.

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Zeitleiste zur Berliner Gedenktafel für die Vermögensverwertungsstelle

1985 Vorschlag des VVN ( Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Verband der Antifaschisten ) für eine Berliner Gedenktafel zur Erinnerung an die “Vermögensverwertungsstelle”.
Die Tafel wird hergestellt, aber nicht aufgestellt.
29.09.1988 Ankündigung im Tagesspiegel, dass demnächst eine Gedenktafel in Alt Moabit 143 aufgestellt werden soll.
1990 neuer aber vergeblicher Vorstoß, die Tafel aufzustellen.
Frühjahr 1994 Kurt Schilde entdeckt die Tafel im Rathaus Tiergarten. Bezirksbürgermeister Naujocks bereitet die Aufstellung der Tafel vor.
Am 17. Juni 1994 erhebt der Oberfinanzpräsident Ingo Trendelenburg ( s. Zeitungssartikel) gegen die vor dem ehemaligen Standort der “Vermögensverwertungsstelle” Alt Moabit 143 geplanten Aufstellung der Gedenktafel Einspruch. Darauf wird die Tafel an die Rückseite des Grundstücks vor die Einfahrt der Feuerwache Tiergarten verlegt.
Am 24. Juni 1994 enthüllen der Tiergartener Bezirksbürgermeister Wolfgang Naujokat und der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde Jerzy Kanal die Tafel.
1999 wird die Tafel zerstört, später wieder ersetzt.
2021 die Gedenktafel steht weiterhin für Ortsfremde nicht auffindbar in der Elisabeth-Abegg-Straße.
Am 22. September 2021 stehen Schülerinnen und Schüler des Französischen Gymnasiums Tiergarten vor der Tafel.
Am 10.Dezember 2021 bitten SchülerInnen des Französischen Gymnasiums und der Verein Gleis 69 in einem Brief den Bundesfinanzminister Christian Lindner um Abhilfe. Das betreffende Grundstück befindet sich weiterhin im Besitz der Bundesfinanzverwaltung.
Am 10.Februar 2022 erhalten wir aus dem Bundesfinanzministerium eine Antwort auf unseren Brief. Das Ministerium teilt unsere Ansicht, dass der jetzige Aufstellungsort für die Erinnerungstafel unangemessen ist und im Zusammenhang mit dem geplanten Neubau eines Bürogebäudes geändert wird. Die SchülerInnen des Französischen Gymnasium und Gleis 69 e.V. sollen bei dem weiteren Vorgang mit eingebunden werden.
Am 10. Februar 2022 erfahren wir ebenfalls auf unsere Anfrage aus dem Bundespräsidialamt, dass das neu zu bauende Bürogebäude dem Bundespräsidenten ab 2025 als Ausweichquartier dienen soll. In dieser Zeit wird sein eigentlicher Dienstsitz, das Schloss Bellevue, renoviert.
Inzwischen hat Gleis 69 e.V. von der Koordinierungsstelle Historische Stadtmarkierungen / Aktives Museum den Auftrag erhalten, die Gedenktafel in Obhut zu nehmen. Von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben werden wir informiert, dass die Tiefbauarbeiten im Mai 2022 beginnen.
Am 30.März 2022 bauen wir deshalb mit Hilfe der Feuerwache Tiergarten die Gedenktafel ab und nehmen sie in Obhut.

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Die Suche nach der Gedenktafel
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Alt Moabit 143. Hier befand sich dieVermögensverwertungsstelle. Links ist die Reichstagskuppel
zu sehen, in der Mitte das Bundeskanzleramt. TAL
An der Ecke Elisabeth Abegg-Straße stehen verschiedene Schilder – aber es ist keine
Berliner Gedenktafel darunter. TAL
Auch von der Moltkebrücke aus ist keine Gedenktafel zu sehen. TAL
Ein Blick in die Elisabeth Abegg-Straße weiter hinein:
Weiterhin ist keine Gedenktafel zu entdecken. TAL
Weiter in die Elisabeth Abegg-Straße hineingegangen
wird am Ende des Zauns etwas sichtbar – eine Tafel? TAL
Die Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt: Am letzten Zipfel des Grundstücks steht tatsächlich
die lange gesuchte Gedenktafel. TAL

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Provincial Steuer Direction. Architekten-Verein zu Berlin, Berlin und seine Bauten, 1896.
In diesem Gebäude in Alt Moabit 143 befand sich 1941 -1945 die
Vermögensverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten Berlin – Brandenburg.
Gemeinfrei.

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Zeitungsartikel zur Gedenktafel für die “Vermögensverwertungsstelle”.
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Tagesspiegel vom 29.09.1988
Berliner Morgenpost vom 20.06.1994
Berliner Zeitung vom 20.06.1994

Nach der Exkursion am 22.09.2021:

Die SchülerInnen des Französischen Gymnasiums erstellen in eigener Regie folgende Plakate:
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Quellen:

Aly, Götz. Hitlers Volksstaat. Fischer. Frankfurt 2005
Friedenberger, Martin, Klaus-Dieter Gössel und Eberhard Schönknecht (Hg.). Die Reichsfinanzverwaltung im Nationalsozialismus. Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Berlin 2005.
Knobloch, Heinz. Meine liebste Mathilde. Das Arsenal. Berlin 1986.
Schilde, Kurt. Versteckt in Tiergarten. Weidler. Berlin 1995
Schilde, Kurt. Bürokratie des Todes. Metropol. Berlin 2002
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Ausstellung: Die vergessene Gedenktafel in Tiergarten.

Die Ausstellung war in der Vitrine vor dem Rathaus Tiergarten am Mathilde Jacob-Platz 1, 10551 Berlin
in der Zeit vom 1.- 30.Oktober 2021 ganztägig zu sehen.

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Die Ausstellung zieht ins Französischen Gymnasium

Am 9. Dezember 2021 haben wir den Teil der Ausstellung, der die Vermögensverwertungsstelle betrifft, im Französischen Gymnasium neu aufgebaut. Sie soll im Januar 2022 Teil des virtuellen Tags der Offenen Tür der Schule sein.

Im Dezember 2021 ist die Ausstellung ins Französische Gymnasium umgezogen und wird dort weiter aktualisiert. TAL

Gleichzeitig haben wir den Schülerinnen und Schülern berichtet, dass der gerade ernannte Bundesfinanzminister Christian Lindner noch im Dezember einen Brief von uns und auch im Namen der SchülerInnen erhält. In ihm bitten wir ihn, sich für die schon lange überfällige Umsetzung der Gedenktafel in die Straße Alt Moabit einzusetzen. Wir werden die Schüler vom weiteren Fortgang der Angelegenheit informieren.

Am 10.Februar 2022 haben wir aus dem Bundesfinanzministerium eine Antwort erhalten. Wegen einer Rückfrage bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hatte sich offensichtlich die Bearbeitung unseres Schreibens verzögert.
Das Ministerium teilt unsere Ansicht, dass der jetzige Aufstellungsort für die Erinnerungstafel unangemessen ist und im Zusammenhang mit dem geplanten Neubau eines Bürogebäudes geändert wird. Die SchülerInnen des Französischen Gymnasium und Gleis 69 e.V. sollen bei dem weiteren Vorgang mit eingebunden werden.


Inzwischen hatten wir Arbeiten auf dem Grundstück der ehemaligen Vermögensverwertungsstelle beobachtet, die offensichtlich einer Bauvorbereitung dienten. Dabei erfuhren wir von Anliegern, dass es sich um einen Neubau für den Bundespräsidenten handeln soll, der 2025 seinen renovierungsbedürftigen Dienstsitz im Schloss Bellevue vorübergehend verlassen muss. Auf unsere Anfrage haben wir dann am 10. Februar 2022 aus dem Bundespräsidialamt eine gleichlautende Bestätigung erhalten.

Auf dem Gelände der ehemaligen Vermögensverwertungsstelle besteht bereits Baufreiheit. Januar 2022. TAL

Wir nehmen die Gedenktafel in Obhut.

Nach einem längeren Mailwechsel erhielt Gleis 69 e.V. von der Koordinierungsstelle Historische Stadtmarkierungen / Aktives Museum den Auftrag, die Gedenktafel in Obhut zu nehmen.
Von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben wurden wir informiert, dass die Tiefbauarbeiten bereits im Mai 2022 beginnen.
Bei einer Vorortuntersuchung stellten wir fest, dass sich die Tafel nicht einfach abschrauben lässt. Die Schraubköpfe waren vorsorglich unter der mit einem Kleber befestigten Tafel verborgen. Um die Tafel nicht beim Abbau zu beschädigen, entschieden wir deshalb, die Haltestangen knapp unterhalb der Tafel zu durchtrennen. Dabei kam die benachbarte Feuerwache Tiergarten mit ins Spiel. Der Wachleiter sagte uns seine technische Unterstützung zu und meldete sogar den entsprechenden Einsatzleitwagen für einen kurzen Zeitraum ab. So konnten die Feuerwehrleute ungestört die doch sehr kräftigen Rohre durchtrennen.

Ein letztes Foto vor der schon abgedeckten Tafel. GiP
Dann kommen die Feuerwehrleute mit schwerem Gerät. DaZ

So verlief diese Aktion am 30. März 2022 ohne irgendwelche Probleme aber mit der gebührenden Aufmerksamkeit der SchülerInnen des Französischen Gymnasiums und ihrer Lehrerin,  ebenso der VertreterInnen des Bundespräsidialamtes, des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und des Vereins Gleis 69.

Anschließend haben wir die Tafel verabredungsgemäß in Obhut genommen.

Zurück bleiben die Stangen, die jetzt keinen Anstoß mehr erregen. TAL
Das mediale Echo im Tagesspiegel vom 4. April 2022. TAL

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