Rettet die historische Deportationsrampe

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Die Ehrung für Gleis 69 e.V. sorgt für neue Aufmerksamkeit an der Deportationsrampe

Nach der Ehrung des Vorstands von Gleis 69 e. V. im April 2021 wurden die Medien wieder auf den Gedenkort und die historische Deportationsrampe aufmerksam. So berichtete Sebastian Engelbrecht am 15.April 2021 im Deutschlandfunk über diesen Ort und Claudia Seiring veröffentlichte am 8.Mai 2021 im Tagesspiegel einen ausführlichen Artikel, der sich mit der in mehrfacher Hinsicht traurigen Geschichte von Gedenkort und Deportationsrampe beschäftigt.

Anfang Mai wurden Baupläne der Firma Lidl bekannt, die sich auch auf die denkmalgeschützte Deportationsrampe am Gleis 69 erstrecken sollen. Diese Pläne sorgen für große Besorgnis in Tiergarten. Gleis 69 e.V. hat dazu einen Offenen Brief und eine Presseerklärung herausgegeben, die an die Senatsverwaltung für Kultur, das Bezirksamt Mitte, die Bezirksverordneten von Mitte, das Landesdenkmalamt und die Presse gingen. Erste Nachfragen der Medien liegen bereits vor.

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Rettet die historische Deportationsrampe – Stand Februar 2020

Das ist der authentische Ort für die Deportation von
30 000 Jüdinnen und Juden.
Die Rampe an diesem Ort verrottet zunehmend.
Ihr Zustand wirft bei jeder Gedenkzeremonie,
bei jeder Führung,
bei jedem Besuch von Nachfahren der Opfer die Frage
nach der Würdigung dieses Ortes und
nach dem Respekt vor den von hier deportierten Menschen auf.
Jeden Tag sehen fünfhundert Schüler auf diesen Ort –
und sollten seinen Zustand eigentlich nicht
als fragwürdige Normalität wahrnehmen.
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Spundwand am Deportationsweg am 13.02.2020. TAL
Spundwand am Deportationsweg am 13.02.2020. TAL

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Der Denkmalschutz für die historische Rampe auf dem Deportationsbahnhof Güterbahnhof Moabit muss dringend umgesetzt werden.

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Spundwand am Gleis 69 am 27.01.2020. TAL

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Am 18.08.2015   fand im Zusammenhang mit dem Kunstwettbewerb für den Gedenkort Güterbahnhof Moabit  eine Sitzung im „Beratenden Ausschuß Kunst“ der Senatsverwaltung für Kultur statt. Dabei wurde sinngemäß von den Vertretern des Bezirksamtes Mitte vorgetragen, daß. . .

der historische Ort – am ehemaligen Güterbahnhof Moabit – stark überformt sei, da er von Hellweg (Baumarkt) und Lidl gewerblich genutzt würde. Die Gebäude und die Gleise seien bis auf wenige Rudimente abgerissen. . . .
. . . an dem Ort, der nicht unter Denkmalschutz stehe, erinnerten historisch anmutende Relikte (Pflastersteine, Restgleise aus den 1940er Jahren, Reste der Rampe) an die Geschichte des Ortes.


Anmerkung : Auch damals war bekannt und sichtbar, daß die Rampe und die Trasse des Gleises 69 noch weitgehend vorhanden und authentisch sind.
Siehe folgende Bilder.

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Diese Sitzung bestätigte die Einschätzung, daß 2015 von Seiten der zuständigen Senatsverwaltung und des Bezirksamt Mitte kein weiteres Interesse bestand, auf dem ehemaligen Güterbahnhof Moabit nach historischen Spuren zu suchen.
Außerdem gab es für das Gebiet der Deportationsgleise  bis zu diesem Zeitpunkt ( 2015 ) keinen Denkmalschutz. Durch Initiativen aus dem Beratenden Ausschuß Kunst und dem Verein gelang es, den Landeskonservator Prof. Haspel auf diesen unbefriedigenden Zustand aufmerksam zu machen.
In der Folge beschäftigte sich das Landesdenkmalamt wieder mit diesem Komplex und konnte Ende 2016 den Denkmalschutz nicht nur für das Gelände des Gedenkortes sondern auch für den Bereich der gesamten Rampe entlang der Trasse des Deportationsgleises 69 feststellen.

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Gleis69 Landesdenlmalkarte

Landesdenkmalamt Berlin (Datengrundlage), SenStadtWohn, Abt. III (Kartengrundlage) Stand 21.3.18

Eintragung in die Denkmalsliste des Landesdenkmalamt Berlin “Deportationsanlagen auf dem ehem. Güterbahnhof Moabit”


Die ehemaligen Deportationsgleise 81 und 82 mit der dazugehörigen Ladestraße waren dagegen der neuangelegten Ellen Epstein-Straße und den dahinter neuverlegten Bahngleisen zum Opfer gefallen.
Der bereits seit 2003 dort geplante Denkmalschutz hätte das verhindern können. Er war aber damals nach einer Auskunft eines früheren Mitarbeiters des Landesdenkmalamtes wegen anders gelagerter Interessen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nicht erwünscht gewesen.
Die betreffenden Grundstücke wurden dann unter anderem an die Firmen Lidl und Hellwig verkauft. In Öffentlicher Hand verblieb nur noch die Zuwegung zu den Gleisen.

Nachdem der Gedenkort 2017 errichtet worden ist und personelle Veränderungen im Landesdenkmalamt eingetreten waren, erhielt der Ort wieder mehr Aufmerksamkeit. In der Folge fand im September 2018  eine archäologische Untersuchung der zugeschütteten Anteile der Deportationsrampe statt. Als Ergebnis ließ sich die Rampe auch unter den Aufschüttungen eindeutig nachweisen. Sie ist noch in einer Länge von ca 140 m sichtbar vorhanden.

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Verlauf der Rampenkante / Spundwand (doppelt gestrichelte rote Linie von links nach rechts, an der nordöstlichen Ecke des Flurstücks 255 nach unten)

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Luftbild der Deportationsrampe aus dem Gutachten
von Thomas Lucker (Restaurierung am Oberbaum).
Hier verläuft die Rampenkante / Spundwand (wie oben) etwa von der rechten Ecke bis zur
Parkplatz-Auffahrt von Lidl. Sie verschwindet unter der Auffahrt und unter der rechts
folgenden Aufschüttung und erscheint dann wieder am Gedenkort (rechts).
Siehe auch Foto “Rampe 1.03.2017.

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In einer Sitzung im Landesdenkmalamt April 2019  wurde dieses Gutachten von der Firma Restaurierung am Oberbaum vorgestellt. Dabei waren der Landeskonservator Dr. Rauhut, MitarbeiterInnen des Landesdenkmalamtes, Angehörige des Bezirksamtes Mitte, Fachleute wie Prof. Nachama von der Topographie des Terrors und Gleis 69 e.V. anwesend. Vertreter der Senatsverwaltung für Kultur waren ebenfalls eingeladen. Fast alle Anwesenden waren sich darin einig, dass hier ein dringender Handlungsbedarf besteht, um die historische Rampe, die jetzt bereits stark korrodiert ist, vor völliger Zerstörung zu bewahren.

Ein Gespräch im August 2020 mit Staatssekretär Dr. Wöhlert in der Senatsverwaltung für Kultur zum Erhalt der Deportationsrampe hat bis März 2021 keine erkennbaren Ergebnisse gezeigt.

Erst die Veröffentlichung unseres Offenen Briefes am 31.05.2021 hat erste Gespräche und gemeinsame Überlegungen der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und des Bezirksamtes von Mitte zur Folge gehabt.
Die Kommunikation ist dann aber im Wahlkampf abgerissen, erste Absprachen wurden nicht weiter verfolgt.

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Bis jetzt fehlt der sichtbare politische Impuls auf Bezirks- und Landesebene
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Die folgenden Bilder veranschaulichen die zunehmenden Korrosionsschäden.

Die Bilder am 27. Januar 2020 entstanden bei einer Lichtinstallation, die unter dem Motto “Lichter gegen Dunkelheit” in Zusammenarbeit mit dem Haus der Wannsee-Konferenz stattfand. Anlass war der Internationale Holokaust-Gedenktag.