Europäische Jugendliche auf jüdischem Friedhof in Budapest

Während der Besetzung Budapests durch die deutsche Wehrmacht von März 1944 bis zum Januar 1945 diente das alte jüdische Viertel für drei Monate als Ghetto. Rund 200 000 Juden mußten hier eingesperrt und eingepfercht leben. Ein Teil von ihnen wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, ein Teil starb im Ghetto an Hunger und Krankheit. Leichen lagen auf den Straßen und aufgetürmt im Garten der Synagoge. Nur 70 000 Menschen überlebten diese Schreckenszeit. Die Leichen wurden im Januar und Februar 1945 in Massengräbern beerdigt, unter anderem auch 3500 auf dem Kozma-Friedhof.

gleis 69 eV, Güterbahnhof Moabit

Jüdischer Friedhof Budapest Kozma utca

Einem Mitglied von Gleis 69 e.V. ist es in diesem Jahr zum zweiten Mal gelungen, eine Kooperation zwischen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienst und dem Jüdischen Kulturbund in Ungarn Mazsike zu organisieren. So konnte auch in 2018 ein internationales Sommerlager für Menschen unterschiedlichsten Alters und Herkunft organisiert werden, die Grabsteine  auf dem jüdischen Friedhof „Kozma Utca“ restaurierten. Diese Grabsteine gehören zu Gräbern von Juden, die in der ungarischen Armee Arbeitsdienst ohne Waffe leisteten. Es gab in Ungarn eine eigene “Dolchstoßlegende” , die besagte, daß der Erste Weltkrieg verloren worden sei, weil die jüdischen Soldaten nicht richtig gekämpft hätten. Deshalb gab man ihnen im Zweiten Weltkrieg nur einen Spaten in die Hand. Die schon stark verwitterten Steine trugen kaum noch leserliche Inschriften. Die Voluntäre stellten in mühseliger Kleinarbeit mit Bürsten, Pinseln und Farbe die Beschriftungen wieder her. Daneben trafen sie aber auch ungarische Zeitzeugen, die von ihrem Schicksal und dem ihrer Familie in dieser Zeit berichteten.

Gleis 69 Güterbahnhof Moabit

Budapest Kozma utca – Jüdischer Friedhof

Ein Journalist von „168 ORA“ aus Budapest berichtet am 10. August 2018 über das Sommerlager.
V.B. hat uns freundlicherweise eine Übersetzung des Artikels zur Verfügung gestellt:

Auch der Schmerz verbindet mich mit diesem Land.
Internationale Jugendlichen pflegen jüdische Gräber in der Kozma utca

Was sucht ein deutscher Student auf dem jüdischen Friedhof „Kozma Utca“in Budapest, wenn er keinerlei familiäre Bindung zu Ungarn hat? Und wenn er schon da ist, warum säubert und renoviert er Grabsteine, warum entfernt er Unkraut und malt die Inschriften neu, wenn diese verblasst sind? Noch dazu freiwillig, aus innerer Überzeugung? Das haben wir in dem Sommerlager, das von deutscher Seite von der Aktion Sühnezeichen und von ungarischer Seite von dem Jüdischen Kulturbund gemeinsam organisiert worden ist, erforscht. In dem Lager haben Jugendliche aus sechs Ländern die Geschichte der Nazizeit in Ungarn und das kulturelle Erbe der jüdischen und evangelischen Gemeinden kennengelernt. Die Teilnehmer besuchten nicht nur Museen und Friedhöfe, sie trafen auch Überlebende. Das Kennenlernen persönlicher Schicksale wühlte sie sehr auf.
„Ich bin 86 Jahre alt, mein Name ist S.D. ich habe drei Urenkel, vier Enkelkinder und zwei Kinder. Ich bin Holocaust-
Überlebende. Ich hatte schrecklich Erlebnisse in den Jahren 1944-1945. Diese Erlebnisse waren für mein ganzes Leben von enormer Auswirkung. Später wurde ich Gymnasiallehrerin, ich habe jahrzehntelang geschwiegen und über diese Erlebnisse nicht geredet. Dann kam bei einem dreißigjährigen Abiturtreffen – nicht bei meinem eigenen – die Vergangenheit wieder
hoch, und ich erzählte, dass ich Jüdin bin. Seitdem kann ich über diese schreckliche Zeit sprechen“.
Wir sitzen in der Gedenkstätte in der Páva utca, ein Dutzend Jugendliche hören der zierlichen Frau zu. Eine Übersetzerin hilft, da die Mädchen kein ungarisch verstehen. Sie kommen aus Deutschland, Belgien, Griechenland, Polen und Weißrussland, die Mehrzahl studiert. Papiertaschentücher werden hervorgeholt, einzelne wischen
ihre Tränen ab. Sie sind alle Teilnehmer des Sommerlagers, das von der deutschen Organisation Aktion Sühnezeichen durchgeführt wird. Sie verbringen zwei Wochen in Budapest. Der vollständige Name der Organisation „Aktion Sühnezeichen Friedensdienst“ (ASF) formuliert klar und genau das Wesentliche der Initiative. Die Organisation entstand um die Gräueltaten des Nationalsozialismus bewusst zu machen . Sie versucht mit verschiedenen Programmen die Kriegsgräuel wiedergutzumachen, soweit man noch 70 Jahre nach dem Krieg etwas wiedergutmachen kann. Auf ihrer Homepage ist zu lesen: Wir arbeiten für die Versöhnung und gegenseitiges Verständnis. Das Wiedergutmachen ist hier verständlich, die Teilnehmer des Lagers pflegen jeden Vormittag auf dem Friedhof in der Kozma utca Gräber.
” Ich sehe die Namen auf den Grabsteinen, einige wenige sind lesbar. Man sieht , dass sie gepflegt werden, aber die Mehrzahl der Namen sind schon fast unlesbar, man sieht, dass lange keiner hier war” , sagt Paula. “Es ist ein gutes Gefühl, die Steine zu pflegen, sie zu säubern, neu zu bemalen, die Namen wieder lesbar zu machen. Dazwischen plaudern wir . Es ist erhebend zu sehen, dass nachher alle Inschriften wieder gut zu lesen sind”. Paula lernt an der Universität Straßburg Ökonomie, sie stammt aus einer deutsch-polnischen Familie und ist in beiden Kulturen zu Hause. Nach ihrer Meinung fühlen viele Polen und Deutschen Verantwortung für die Zukunft der Menschheit . Sie kennt zumindest viele mit solchen Gefühlen. Sie betrachtet das Lager in Budapest nicht nur als Arbeit, sondern auch als Möglichkeit zum Lernen und Urlaub zu machen. Das ist verständlich, da den Teilnehmern nach der Arbeit ein reiches Kulturprogramm angeboten wird . Abends können sie sich in der Hauptstadt amüsieren.
Bei der Organisation ist der ungarisch-jüdische Kulturbund (Mazsike) der Partner von ASF. Dass sich die zwei Organisationen, der Kulturbund und die ASF gefunden haben, ist Vera B. zu verdanken. Sie lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Sie hat die zwei Organisationen zusammengeführt, und als Ergebnis d
ieser Zusammenarbeit wurde das erste Sommerlager 2017 organisiert. ASF hat das Lager sowohl 2017 als auch 2018 im Internet angekündigt und so die Teilnehmer aus vielen europäischen Ländern rekrutiert..
Mazsike
hat als Gastgeber dafür gesorgt, dass die Teilnehmer während der zwei Wochen in Budapest auch die Vergangenheit und das historische Erbe der jüdischen Gemeinde in Ungarn kennenlernen konnten. Es wurden Begegnungen mit Historikern und mit Künstlern organisiert, damit die Jugendlichen eine Vorstellung bekommen konnten, wie die Juden vor den beiden Weltkriegen in Ungarn lebten, was mit ihnen während des Zweiten Weltkrieges geschah und wie sie diese Ereignisse nach dem Krieg aufgearbeitet haben. Diese Last aber haben sie nie loswerden können, auch die folgenden Generationen tragen sie noch in sich. Die Vorträge behandelten auch die Rolle der Juden in der ungarischen Kulturgeschichte, denn die jüdische Geschichte ist eng mit der ungarischen Geschichte verflochten. Die Jugendlichen lernen auch die historische Rolle der ungarisch-evangelischen Kirche kennen. So trafen sie Bischof Tamás Fabiny und Pfarrer László Donath und nahmen am Gottesdienst in der Gemeinde in Békasmegyer teil, wie wir von der Projektleiterin der Mazsike, von Anna B erfahren. Keiner der Teilnehmer hat eine persönliche Bindung zum Holokaust ,trotzdem folgen sie den Programme aufmerksam und aufgeschlossen. Sie stellen einfühlsame Fragen und sind offensichtlich an der Kultur und der Geschichte interessiert. Das wird verständlich, wenn man hört, dass sie überwiegend Geistes- oder Gesellschaftswissenschaften studieren.
Zwischen den Programmen ist der Besuch der Holo
kaust- Gedenkstätte in der Páva utca ein Höhepunkt. Hier sprechen sie mit Überlebenden. Eben spricht Frau D. Ihre Stimme zittert nicht, und sie berichtet sicher. So stand sie wohl auch vor den Klassen, wenn sie unterrichtete. Sie erzählt ihre eigene Geschichte so, als würde sie über einen fernen Bekannten berichten. Sie wird nicht traurig bei den tragischen Erlebnissen und lächelt nicht bei den glücklichen Wendungen. Als wäre alles so geschehen, wie es vorgesehen war :
„Ich besuchte die weiterführende Schule der schottischen Mission, da
es dort keine Rassendiskriminierung gab. Als die Deutschen im Frühjahr 44 Ungarn besetzten, wurden die Klassenkameraden aus der Provinz nicht zu den Eltern gelassen, sie bekamen stattdessen ohne Bezahlung im Kollegium der Mission Unterkunft und Schutz. Besonders tragisch war dann ihr Schicksal, als sie Im Winter 1944 von hier mit dem Leiter der Mission direkt nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht wurden. Ich wohnte damals in Budapest und war während der Belagerung der Stadt 12 Jahre alt. Bis zu der Befreiung durch die Sowjetarmee hielt ich mich dort versteckt. Monatelang war ich allein und wusste nichts von den anderen Mitgliedern meiner Familie“.
Sie stand öfters
am Rande des Todes, aber jedes Mal siegte doch das Leben. Zuerst hielt sie sich in einem Waisenhaus auf, dann versteckte sie sich abwechselnd in einem geschützten Haus der schwedischen oder der schweizerischen Bootschaft. Auch suchte sie in der Synagoge am Bethlen tér Schutz .
„Es ist ein Wunder, dass ich das alles überlebt hatte.
Aber es gab noch ein größeres Wunder , berichtet sie , „als im Februar 1945 das Ghetto befreit wurde, ging ich in unsere Wohnung zurück, und es ist unglaublich, aber ich fand dort meine Eltern und meine Schwester wieder. Wir hatten uns in den Kriegswirren verloren und dachten, wir würden uns nie wiedersehen. Aber wir überlebten“.
Die Taschentücher werden wieder hervorgeholt, Paula ist tief gerührt.
„Ich weiß so vieles über diese Zeit,
aber persönliche Schicksale rühren mich ungewollt tief“, sagt die Zwanzigjährige, „ man muss diese Momente schätzen, denn es gibt bald keine Zeitzeugen mehr, die uns die eigene Geschichte erzählen können. Es ist wichtig, dass wir aus den damaligen Ereignissen lernen. Sowohl in Ungarn auch in Polen geht die Politik in einer Richtung, die einen zu der Angst berechtigt , dass wir aus der Geschichte nicht genug gelernt haben.
Nach
Frau D. spricht noch der 89-jähriger Imre L. :
„Mein Vater hatte vier, meine Mutter neun Geschwister. Nur aus der engsten Familie wurden 70 Leute in der Nazizeit ermordet.
Wenige meiner Verwandten überlebten. Er betont mehrfach, dass sein Überleben nur glücklichen Zufällen zu verdanken ist. Er war in der Zeit der deutschen Okkupation 15 Jahre alt und in Budapest Lehrling. Als dann Ungarn im März 1944 von den Deutschen besetzt wurde, hat er die Lehre unterbrochen und wollte zu seinen Eltern nach Tiszafüred zurückkehren. Schon allein die Tatsache, dass er bei den Eltern ankam und nicht schon im Zug festgenommen wurde, war ein Wunder. In Tiszafüred kam er aber mit der ganzen Familie in das Ghetto, das dort in der Ziegelei eingerichtet wurde. Kurz vor der Deportation kam ein ungarischer Offizier und wählte junge Männer für den Arbeitsdienst aus. So kam er als Fünfzehnjähriger an die Ostfront. „Alle Verwandten kamen mit dem Transport nach Auschwitz und haben nicht überlebt. Er mußte von der Ostfront teilweise zu Fuß an die Westfront marschieren und später nach Mauthausen. Dort hat er eine Erkrankung an Typhus überstanden, dann die Befreiung des Lagers erlebt und ist schließlich nach Hause zurückgekehrt. Später ist er Ingenieur geworden und hat jahrzehntelang an der Technische Universität Budapest unterrichtet.

„ Nahe am neunzigsten Lebensjahr lässt mich die Frage noch immer nicht los, ob das Umkommen von 600 000 ungarischen Juden unausweichlich gewesen ist. Ich bin kein Historiker, aber ich glaube auch viele Jahre nach der Tragödie , dass so viel ungarische Opfer nicht hätten sein müssen. Ich achte die Leistung der Deutschen, dass sie nachträglich die eigene Schuld aufzuarbeiten versuchen. Das passiert in Ungarn bis zum heutigen Tage nicht“ .

Langes Schweigen, dann hebt eine polnische Teilnehmerin die Hand, sie versteht es nicht, warum die ungarischen Juden nicht vor der deutschen Besatzung geflohen sind, besonders, da damals das Existenz der Vernichtungslager schon bekannt war.
Wir wussten darüber nichts. Man munkelte etwas“, erzählt Imre L. „Das klang so unwahrscheinlich, dass es keiner glaubte. Außerdem, wohin hätten die Juden fliehen sollen? Kein Land wollte sie haben“.
Auch Paula meldet sich: „Können Sie nach so viel Leid Ihr Vaterland
noch lieben? Können Sie auf diese Heimat noch stolz sein“?
Die zwei alte Leute nicken nur. „Dieses Land ist meine Heimat, ich spreche
seine Sprache, das ist meine Literatur. Natürlich habe ich auch negative Empfindungen. Auch der Schmerz bindet mich an dieses Land“, sagt Frau D. „Ich habe keinen Hass in meinem Herzen, nur Sorge. Hoffentlich kommen ähnliche Zeiten nie wieder“, sagt Imre und verteilt Kopien von alten schwarz-weißen Bildern aus dieser Zeit. „Zeigt die Bilder zu Hause und erzählt alles, was ihr hier gehört und
gesehen habt. Ich danke Euch sehr für die Arbeit an den Gräbern“.

TOL-