Der andere Holokaust

Denkmal für die Massenhinrichtungen auf dem Jüdischen Friedhof in Tarnów.
Die Säule stammt von der im November 1939 zerstörten Neuen Synagoge in Tarnów. TAL

Im Januar dieses Jahres erschien in der FAZ ein längerer Artikel von Magdalena Saryusz-Wolska. Er beschäftigte sich mit einer weniger bekannten Seite des Holokaust in Osteuropa. Die Autorin ist Direktorin des Deutschen Historischen Institutes in Warschau, das zur Zeit auch mit der Kartierung von Massengräbern im östlichen Polen beschäftigt ist. Die in dem Artikel genannten Städte Tarnów, Krosno, Rymanów, Jasło und Nowy Żmigród sind mir vertraut wie auch die in der umliegenden Landschaft verborgenen Hinrichtungsorte aus der deutschen Besatzungszeit.

Zbylitowska Góra bei Tarnów: Massengräber der 800 im Juni 1942 ermordeten Kinder aus dem jüdischen Waisenhaus in Tarnow. TAL
Massengrab am Hałbowska-Pass bei Nowy Żmigród. Der letzte Ort für die am 7.Juli 1942 hier ermordeten 1250 Juden. TAL
Massengrab im Wald von Warzyce bei Jasło. Hier wurden am 3. August 1942 über 690 Juden
aus  Frysztak, Jasło, Tarnów, Nowy Zmigrod and Korczyna erschossen. TAL

Hier sei nur an Zbylitowska Góra bei Tarnów, den Hałbowska-Pass bei Nowy Żmigród und an den Wald von Warzyce bei Jasło erinnert. Das war für uns Anlass, einzelne bis jetzt noch nicht aufgesuchte Orte in Augenschein zu nehmen.

Dort fand die Ermordung der polnischen Juden zu großen Teilen in ihren Wohnorten selbst oder in der Nähe statt. Anders als in den Vernichtungslagern Bełżec, Sobibór und Treblinka mit ihren Gleisanschlüssen. Die Menschen wurden auf den jüdischen Friedhöfen oder in den Wäldern am Rand von gerade ausgehobenen Massengräbern erschossen. So sind allein in den Woiwodschaften Małopolska und Podkarpackie circa 40 Massengräber bekannt, in denen man jeweils bis zu über tausend Opfern vermutet. Über die genaue Ausdehnung der Gräber gibt es oft keine sicheren Informationen. Auch die Namen der dort Verscharrten sind nur teilweise festgehalten.

Die Geschichte die Kleinstadt Brzozów ähnelt der von vielen anderen Schtetln. Erste Ansiedlungen sind aus der Mitte des 17. Jahrhunderts bekannt. Deren Juden gehörten zur Gemeinde von Rymanów. Mitte des 19. Jahrhundert lebten 300 Juden in der Stadt, damit stellten sie 10% der Gesamtbevölkerung. Es gab eine Synagoge und einen eigenen Friedhof. 1910 bildeten die jüdischen Einwohner bereits ein Drittel der Stadtbevölkerung. Es siedelten sich neue Handwerker an, in der Nähe worde Öl gefördert, auch drei jüdische Banken entstanden. Zum Ende des Ersten Weltkireges kam es wie auch in anderen galizischen Orten in den Dörfern um Brzozów zu antijüdischen Ausschreitungen. Es wurde geplündert, Menschenleben kamen aber nicht zu Schaden. Selbstverteidigungsgruppen der jüdischen Einwohner konnten Schlimmeres verhindern.

In der Zwischenkriegszeit verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation in Brzozów. Für die Entwicklung von Handel und Landwirtschaft fehlte eine Eisenbahnanbindung. Die Größe der jüdischen Gemeinde ging zurück. Dabei fand ein intensives Gemeinschaftsleben statt. Es gab neben der Synagoge fünf Gebetshäuser, ein Lehrhaus, einen Cheder, ein Schlachthaus und eine Mikve. Unterschiedliche zionistische Organisationen waren aktiv, zahlreiche Jugendgruppen, Sportvereine und die traditionellen Gemeindeeinrichtungen wie Bikur Cholim und Chevra Kadisha. Die Gewerkschaften betrieben zwei jüdische Büchereien, – und eine Schule mit dem Schwerpunkt Hebräisch war sehr nachgefragt. Größere Gruppen von jungen Juden betrieben aktiv ihre Auswanderung nach Palästina. Die Gemeinde hatte eine starke chassidische Ausrichtung. Bei Kriegsbeginn war Józef Weber ihr letzter Rabbiner.

Bereits beim Einmarsch der Wehrmacht wurden zahlreiche Juden erschossen, Juni 1942 wurde ein Ghetto in der Stadt eingerichtet und jüdische Männer zu Zwangsarbeit verpflichtet, teilweise auch in anderen Orten. Eine weitere Gruppe von Juden wurde nach Bełżec deportiert und dort ermordet. Die wahrscheinlich über tausend im Ghetto verbliebenen Juden wurden schließlich am 10. August 1942 im Łazienkiwald erschossen, in der Nähe des alten jüdischen Friedhofs. Auch danach fanden noch regelrechte Jagden auf Juden statt, die sich in der Gegend versteckt hatten.

Der Ort des Alten Jüdischen Friedhofs von Brzozow. TAL

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Auf dem jüngeren Friedhof, der Anfang des 19. Jahrhunderts am Rand der Stadt eingerichtet wurde, fanden während der deutschen Besatzung ebenfalls zahlreiche Erschießungen von Juden statt. Der Friedhof wurde weitgehend zerstört. Heute finden sich dort nur noch wenige Trümmer der zerschlagenen Grabsteine.

Der Neue Jüdische Friedhof von Brzozow

Über den Hergang des Massenmordes am 10. August 1942 im Łazienkiwald gibt es nur Informationen aus zweiter Hand. Von Angehörigen des benachbarten Priesterseminars, die sie wiederum von polnischen Zwangsarbeitern erfahren hatten. Dokumente sind nicht vorhanden. Wenige der beteiligten Mörder sind bekannt und zur Verantwortung gezogen worden.

Der Initiative von Natan Weiss, einem der wenigen überlebenden Juden aus Brzozów, ist es zu verdanken, dass der Ort des Massenmordes heute wieder erkennbar ist. Dabei sind die Gräber nicht eindeutig lokalisiert. An der Straße nach Zmiennica stehen auf halbem Weg – unweit des früheren Priiesterseminars – ein Obelisk und eine Informationstafel, die auf diesen Ort hinweisen. Der Weg durch den Wald ist mit großen Bildtafeln gestaltet.

Obelisk und Hinweisschild an der Landesstraße zwischen Zmiennica und Brzozow. TAL

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Hinweisschild an der Landesstraße zwischen Zmiennica und Brzozow. TAL

Weg zu den Massengräbern im Łazienkiwald. TAL

.Tafeln auf dem Weg zu den Massengräbern im Łazienkiwald. Diese hier zeigt die jüngeren Geschwister von Natan Weiss, die ebenfalls am 10. August erschossen wurden TAL

Gedenkort für die am 10. August im Łazienkiwald erschossenen wahrscheinlich über tausend Juden. TAL

Eine Tafel mit dem Zitat von Priomo Levi mahnt:
Es ist geschehen – , deshalb kann es wieder geschehen.
Es kann geschehen -, und es kann überall geschehen. TAL

Unweit von Brzozow steht der Besucher am Rande von Jasienica Rosielna auf einem weiten völlig leeren Gelände, das teilweise von Bäumen eingegrenzt wird.

Ort des ehemaligen Jüdischen Friedhofs von

Hier befand sich der jüdische Friedhof, auf dem am 11. August 1942 nach einer Razzia im Ort 650 Juden erschossen wurden. Überwiegend ältere Menschen und Kinder, die von Bauern aus der Gegend auf ihren Fuhrwerken dorthin gebracht worden sind.. Die jüngeren Männer wurden dagegen in Arbeitslager, u.a. nach Kraków deportiert. .Heute steht hier nur noch eine große Informationstafel. Die Geschichte der hiesigen jüdischen Gemeinde ähnelt weitgehend der von Brzozow. Von ihrer Existenz kündet nur noch die besagte Tafel.

Den Ort des ehemaligen Friedhofs findet man nur, wenn man von seiner Existenz weiß und eine genaue Karte hat..

Anders auf dem jüdischen Friedhof von Korczyna in der Nähe von Krosno. Ihn findet man an einer Nebenstraße zwischen Korczyna und dem Dorf Kombornia. Früher hat dieser Friedhof weit draußen nur von Feldern umgeben gelegen. Heute reicht die Wohnbebauung bis an die Friedhofsmauer.
Dieser Friedhof ist Anfang des 19. Jahrhundert entstanden. Er ist bis auf eine Lücke mit einer Mauer umgeben, die ein großes Tor enthält.

Trotz der Verwüstungen in der deutschen Besatzungszeit finden sich dort noch heute einiige hundert Gräber mit ihren Grabsteinen., darunter auch zwei mit liegenden Grabplatten, möglicherweise sephardische Gräber. Ein Taharahaus ist ebenfalls noch in den Grundmauern vorhanden. Auch hier fanden Massenerschießungen statt, 130 Menschen, überwiegend Juden, fanden so den Tod.
In dem 1941 eingerichteten Ghetto von Korczyna befanden sich zuletzt 700 Juden, teilweise auch aus den umliegenden Dörfern. Am 12. Mai 1942 wurde ein Großteil von ihnen in das Vernichtungslager Bełżec deportiert und ermordet, 300 wurden im Wald von Warzyce erschossen und alte und Kranke in Wola Jasienicka ermordet. Einige wenige Juden konnten von ihren Nachbarn gerettet werden.

In Korczyna hatten sich die ersten Juden bereits Ende des 16. Jahrhunderts angesiedelt, nachdem sie aus Krosno vertrieben worden waren.. Möglicherweise bildeten sie dann bereits im 18. Jahrundert eine Gemeinde. Obwohl Korczyce im 19. Jahrhundert die bevölkerungsreichste Stadt im Vorkarpatenland war, bliebe der jüdische Bewohneranteil eher klein. Um 1900 stieg er dann auf knapp 20 %. In dieser Zeit war die chassidisch bestimmte Gemeinde gespalten. Sie hielt entweder zum Zaddik von Belzo oder zum Zaddik Dzikòw.. Zum Beginn des 20. Jahrhundert nahm die jüdische Gemeinde sicher auf Grund der wirtschaftlichen Lage wieder ab.. Anfang der dreissiger Jahre bestimmte dann ein Streit um diie Stellung des letzten Rabbiner das Gemeindeleben.

Mit diesen Eindrücken belastet fällt es schwer, die geringe Zahl der angeklagten und verurteilten Mörder zu akzeptieren. Auch für Verbrechen im Raum Krosno – Rszeszów sind nur wenige Täter zur Rechenschft gezogen worden.

Weiler Burkot am Ende der Wierzbowa