
Bereits 2021 machten wir die Bekanntschaft von Ruth Ur, als sie für die Freunde von Yad Vashem eine Besichtigungsfahrt durch Berlin organisierte. Diese Fahrt führte zu den verschiedenen Orten, von denen die Berliner Juden ab Oktober 1941 deportiert worden waren. 2023 veranlasste Ur eine hochinteressante Ausstellung von Gegenständen, die mit sechzehn Schicksalen aus Deutschland vertriebener und geflüchteter Juden verbunden waren. Diese Ausstellung war im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestag zu sehen. 2025 stellte Ur als Gründungsdirektorin das Holokaust-Museum in Thessaloniki vor. Diese Stadt wird auch als Jerusalem des Balkans bezeichnet.

Jetzt hat Ruth Ur die Leitung der Stiftung Exilmuseum in Berlin übernommen und – sehr realistisch – die Neubaupläne für dieses Museum erst einmal zurückgestellt. Stattdessen hat das Exilmuseum jetzt einen attraktiven Platz in der Berliner Fasanenstr. 24 gefunden. In dem dort von Louis Mertens gebauten ersten Wohnhaus dieser Straße wird Ruth Ur verschiedenste Projekte wie Ausstellungen, Buchvorstellungen und Schulprojekte entwickeln und damit für eine anhaltende Präsenz des Museums in der Öffentlichkeit sorgen.

So konnte dort Mitte April Andrea Hammel ihr Buch „Die schwierige Geschichte der Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien“ vorstellen. Hammel ging 1988 nach England und ist heute als Direktorin des Centre for the Movement of People an der Aberystwyth University in Wales tätig.

Über 25 Jahre hat Hammel zum Komplex der Kindertransporte recherchiert und deren in der Öffentlichkeit durchweg positiv bestimmten
Erzählung eine Reihe von neuen Einzelheiten und kritischen Aspekten hinzugefügt. In den über 3000 Interviews, die sie dabei geführt hat kommen nicht nur Prominente sondern Betroffene aus allen Schichten zu Worte.
Schon früh nach der Machtergreifung des NS-Regimes hatten die Quäker auf die Rettung jüdischer Kinder gedrungen. Nach der Reichspogromnacht 1938 stand diese Forderung unabweisbar im öffentlichen Raum. Der britische Ministerpräsident Chamberlain reagierte deshalb mit einer Aufhebung der Visumspflicht
für Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren. Aber vor einer Einreise nach Großbritannien war für jedes flüchtende Kind eine Bürgschaft von 50 Englischen Pfund nachzuweisen.

Das Sammmlen von Spenden, die Suche nach Pflegefamilien und die Organisation der Transporte blieben NGO wie dem Refugee Children´s Movement, der Reichsvertretung der deutschen Juden und der Wiener Jüdischen Gemeinde überlassen.
So kamen über 10 000 Kinder und Jugendliche aus dem Deutschen Reich und Österreich über die niederländische Grenze, über Hamburg und auch per Flug nach Großbritannien. Für die Ausreise hatten die deutschen Behörden strikte Bestimmungen erlassen. So durften Eltern ihre Kinder zum Abschied nicht auf die Bahnsteige begleiten, ebenso war Spielzeug im Gepäck verboten.
Schwierig gestaltete sich auch die Auswahl der Kinder. Sie selbst und auch ihre Familien sollten keinerlei Probleme sozialer oder gesundheitlicher Art aufweisen. Bevorzugt für die Aufnahme in England waren vor allem Kinder ohne jüdischem Aussehen. Von den jüdischen Institutionen wurden dagegen männliche Jugendliche und Kinder aus Einrichtungen als besonders vulnerabel identifiziert und bei den Transporten priorisiert. In dem engen Zeitfenster zwischen dem 1. Dezember 1938 und dem Kriegsbeginn September 1939 mussten die englischen NGO und die dortigen jüdischen Gemeinden diese vielen Kinder unterbringen. Überwiegend in Pflegefamilien, die nicht auf diese Aufgabe vorbereitet waren. So wurden immer wieder Wechsel in der Unterbringung notwendig, wenn Familien selbst in Not gerieten, die untergebrachten Kinder als Arbeitskraft ausgenutzt oder auch sexuell misbraucht wurden. Gelegentlich sollten die Geflüchteten in kinderlosen Familien auch als Ersatzkind dienen. Dazu wurde dann der Kontakt mit den leiblichen Eltern unterbunden. Überhaupt bestand ein Problem für die Familien in Deutschland darin, den Kontakt zu ihren Kindern aufrecht zu erhalten. Manche Kinder verlernten schnell ihre Muttersprache, während die Eltern kein Englisch verstanden. Nach Kriegsbeginn war der Briefverkehr dann nur noch sehr eingeschränkt über das Rote Kreuz möglich. Gleichzeitig war für alle Beteiligten die Dauer dieser Ausnahmesituation in keiner Weise abschätzbar.

Während auf deutscher Seite das Gefühl von Angst, Unsicherheit und gleichzeitig Dankbarkeit für die Rettung der Kinder bestimmt war, war die englische Öffentlichkeit ebenfalls gegenüber den Kindertransporten positiv eingestellt. So kam in kurzer Zeit eine Summe von einer halben Million englischer Pfund für die Bürgschaften zusammen. Das änderte sich aber mit Kriegsbeginn zu einer anti-NS-bestimmten Einstellung und antideutschen Ressentiments. Gleichzeitig wurden die über sechzehn Jahre alten Jugendlichen als foreign enemies in Lagern interniert, wenn sie sich nicht entschließen konnten, in die englische Armee einzutreten. Auch war das Leben von jüdischen Kindern in englischen jüdischen Familien teilweise von Schwierigkeiten begleitet. So erschienen einerseits deutsche Kinder für jüdisch orthodoxe Familien zu assimiliert und andererseits gab es die umgekehrte Situation.
Nach dem Krieg blieb ein Großteil der Kinder und Jugendlichen in Großbritannien, eine zweite Gruppe ging in die USA oder nach Palästina, während eine kleinere Gruppe nach Deutschland zurückkehrte. Teilweise auch bewusst in den sowjetisch besetzte Zone, die spätere DDR. Dabei kam es zu schwierigen Begegnungen mit den Herkunftsfamilien. Viele komplexe Schicksale und Traumata auf beiden Seiten verhinderten wiederholt ein weiteres harmonisches Miteinanderleben.
Seit den 80ger Jahren haben sich Netzwerke unter den geflüchteten Kindern gebildet, die auch Historikern in größerem Maße Interviews und weitere Recherchen ermöglichten. Dabei ergab sich als wichtige Erkenntnis, dass für Flüchtlinge die weitere Verbindung zur Herkunftskultur eine grundsätzliche Voraussetzung für ihre eigene Stabilisierung und damit auch für die Integration in die neue Umgebung darstellt.
Daneben gibt es viele Zeugnisse von Einzelschicksalen und auch tragischen Umständen im Zweiten Weltkrieg aber auch befremdenden Situationen, wie Geschichte präsentiert wird.
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