Wenig bekannte deutsche Verbrechen in Pomerellen.

Manchem wird der Begriff des „Bromberger Blutsonntag“ im Zusammenhang mit dem deutschen Überfall auf Polen begegnet sein, einer Erzählung, die von der Goebbelschen Propaganda geprägt und so instrumentalisiert worden ist, dass sie auch nach Kriegsende weiterhin im deutschen Schrifttum auftauchte.

Fotografie der Leichen von Gewaltopfern in Bromberg und Umgebung durch Propagandakompanie 689. Bundesarchiv, Bild 183-E10593 / CC-BY-SA 3.0

Stattdessen ist über die massenhaften Verbrechen bei Kriegsbeginn in Pomerellen, dem ehemaligen Westpreußen mit den Städten Thorun/Thorn, Bydgoszcz/Bromberg, Wejherowo/Neustadt in Westpreußen, nur wenig bekannt geworden.

Group of teachers photographed moments before execution (Władysław Bieliński in the foreground) – Włodzimierz Jastrzębski: „Terror i zbrodnia“. Interpress, Warszawa 1974. Photo taken before the execution in the „Valley of Death“ near the Bydgoszcz, conducted by members of so-called „Volksdeutscher Selbstschutz“. Autumn 1939. Gemeinfrei

Die polnische und die deutsche Geschichtsschreibung haben diese Geschehen lange Zeit nur am Rand behandelt. Dabei wurden Morde an Polen, an christlichen und jüdischen, begangen.

Germans from city Łobżenica/ Lobsens in pre-war Poland – „Volksdeutscher Selbstschutz“. Between September 1939 and April 1940. The fifth from the left Harry Schulz – deputy commander of Selbstschutz in Łobżenica. Zachariasz Kruża, „Swastyka na Górką Klasztorną“, Zgromadzenie Misjonarzy Świętej Rodziny, Górka Klasztorna 1982. Gemeinfrei
Map that show organization of Selbstschutz Westpreussen inspectorate during autumn of 1939, based on map published on page 49 in „Zbrodnia pomorska 1939“, Tomasz Ceran et.al., Zbrodnia pomorska 1939, Warszawa 2018

.

German-occupied Poland. Execution of Poles in Zławieś Mała village near Toruń, conducted by members of so-called Volksdeutscher Selbstschutz.Foto o.A. – Włodzimierz Jastrzębski: „Terror i zbrodnia“. Interpress, Warszawa 1974. Gemeinfrei

Aber auch an polnischen und deutschen Behinderten, wobei letztere aus dem Reich nach Polen verschleppt worden waren. Diese Vorgänge standen im Zusammenhang mit der Aktion T4. 

Die Täter dieser Verbrechen stammten zu einem Großteil aus dem Selbstschutz Westpreußen, aus der Wehrmacht und der SS. Die Mitglieder des Selbstschutzes fühlten sich der deutschen Volksgruppe in Pomerellen zugehörig und hatten sich kurzfristig bei Kriegsbeginn organisiert. Dabei wurden sie durch die SS unterstützt. Ihre Mitglieder besaßen keinerlei polizeiliche oder militärische Ausbildung. Das kann die Ursache für die oft grausamen Umstände bei den Hinrichtungen gewesen sein. 

Am 1.September 2026 fand in der Topographie des Terrors eine Veranstaltung mit dem Titel NACH DEM ÜBERFALL AUF POLEN: DEUTSCHE MASSENVERBRECHEN IM HERBST 1939 statt. Die dazu eingeladenen beiden Gäste, Dr. habil. Tomasz Ceran, Pilecki-Institut, und Dr. Magdalena Sacha, Piasnitz-Museum Wejherowo/ Abteilung des Museums Stutthof, befassten sich aus unterschiedlichen Sicht mit diesem Thema. 

Zahlen der von Deutschen 1939 ermordeten Polen in den verschiedenen Landesteilen Polens. Tomasz Ceran.
Gesehen in der o.g. Veranstaltung. TAL

Zuerst beschrieb Tomasz Ceran die Schwierigkeit, belastbare Zahlen für die Verbrechen zu erhalten. In Pomerellen geht man von circa 400 Massengräbern aus. Viele Hinrichtungen fanden durch den Selbstschutz ohne jegliche Dokumentation statt. Rechtliche Verfahren waren die Ausnahme. Später wurden die Spuren dieser Taten zusätzlich verwischt: Durch Vernichtung von schriftlichen Unterlagen und durch Verbrennung der Leichen aus den Massengräbern ( Aktion 1005). Aber auch spätere archäologische Untersuchungen haben nur grobe Schätzungen ermöglicht.

In den Wäldern von Pia´snica wurde nach dem Krieg nur ein einziges Massengrab gefunden, das nicht verbrannte Leichen enthielt.
Von den 305 geborgenen Leichen konnten nur 55 identifiziert werden. Gesehen in der u.g. Veranstaltung. TAL

.

Piaśnica (Groß Piasnitz) . Members of so-called „Volksdeutscher Selbstschutz“ are digging the mass graves for Polish convicts who will be executed in the next few minutes. Foto Waldemar Engler. Gemeinfrei

Mass execution of Poles in Rudzki Most forest near Tuchola, conducted by SS members and ethnic Germans – members of so-called „Volksdeutscher Selbstschutz“. Between 24 October and 10 November 1939 exactly 335 Poles were executed in Rudzki Most.o.A. – Włodzimierz Jastrzębski: „Terror i zbrodnia“. Interpress, Warszawa 1974. Gemeinfrei.

Der brutale Umgang mit der polnischen Zivilbevölkerung und den behinderten Menschen hat wahrscheinlich auch die Schwelle für die Grausamkeiten des Holokaust gesenkt. Nach dem Krieg sind die Täter des Selbstschutzes nur vereinzelt zur Rechenschaft gezogen worden oder haben sich durch Flucht ins Ausland einer Verurteilung entziehen können. 

Polnische Lehrer aus Bromberg werden vom Volksdeutschen Selbstschutz zur Exekution ins Todestal geführt, 1. November 1939 – Foto o.A.- Włodzimierz Jastrzębski: Terror i zbrodnia, Interpress : Warszawa 1974 Gemeinfrei.

 Als vorrangige Opfer wurden Mitglieder der polnischen Elite ermordet: Lehrer, Priester, Beamte, Offiziere. Aber auch persönliche Gründe wie Neid und nachbarschaftliche Konflikte führten zur Ermordung.

Die Hinrichtungen sollten in erster Linie dazu dienen, von vornherein Widerstand in der polnischen Bevölkerung zu ersticken. Insgesamt muss man von mehreren Zehntausend Opfern in Pomerellen ausgehen. 

Jews from Sępólno Krajeńskie gathered by German occupiers (members of Volksdeutscher Selbstschutz) at city’s market place (autumn 1939). ” In fact all Jews from Sępólno were murdered in Radzim interment camp. Foto o.A. – .
Warszawa: Interpress, 1974. Gemeinfrei

Parallel dazu fand ebenfalls die Ermordung der Juden statt. In Bydgoszcz konnte die Hälfte von ungefähr 5000 Juden fliehen, die übrigen wurden ermordet, und die Stadt Ende 1939 bereits als judenfrei erklärt. 

Die hohe Zahl von Opfern erklärte Tomasz Ceran aus dem geschichtlichen Zusammenhang. Friedrich II. habe bereits früh eine Landverbindung zwischen Pommern und Ostpreußen gesucht. Im Rahmen der Teilungen Polens hat er das auch umsetzen können.

Die drei Teilungen Polens. Mullerkingdom. Die Teilungen Polens. Unter CC BY-SA 3.0

Preußens polnische Untertanen sind dann als ungebildet und unzivilisiert betrachtet worden. Daran hat sich auch Bismarcks Politik in den ursprünglich polnischen Provinzen ausgerichtet.

Gebietsverluste an Polen nach dem Versailler Vertrag: Teile Westpreußens (Korridor) und Posen
Matthias Küch – Eigenes Werk, basierend auf: dtv-Atlas zur Weltgeschichte, Illustrierte Deutsche Geschichte, Leisering Historischer Weltatlas, Blank map of Europe 1914.svg, Blank map of Europe 1929-1938

Der nach dem Versailler Verträgen geschaffene polnische Korridor ermöglichte Polen den wichtigen Zugang zur Ostsee, trennte aber wiederum Ostpreußen von Pommern. Und er schuf bei der Entstehung der Zweiten Polnischen Republik eine deutsche Minderheit in den Woiwodschaften Pomerellens. Insgesamt genug Gründe für die gegenseitigen Ablehnung bzw. Geringschätzung. 

Deutsches Propaganda-Plakat vor 1939. Gesehen in der o.g. Veranstaltung. TAL

Magdalena Sacha beschrieb die schwierige Ausgangssituation bei der Erinnerung an die Opfer. Die Opfer waren fast ausschließlich anonym in Massengräbern und überwiegend in Wäldern verscharrt worden. Unter der deutschen Besatzung war der Zugang zu diesen Orten bei Todesstrafe verboten. Erst Todeserklärungen nach dem Krieg und vereinzelte Exhumierungen haben die Lokalisierung und Identifizierung von Opfern möglich gemacht. Dabei gab es nach dem Krieg auch eine politisch bestimmte Erinnerungskultur. Im Vordergrund standen die Opfer der Warschauer Zivilbevölkerung, die im Wald von Palmiry erschossen worden sind.

Polnische Frauen werden zu einer Massenexekution in einen Wald in der Nähe von Palmiry geführt (1940) o.A. –
Narodowe Archiwum Cyfrowe. Gemeinfrei
Maria Brodacka (née Jaxa-Rożen) – Polish woman, victim of Nazi terror. Executed by Nazi-German occupants in the forest near Palmiry village on 14th June 1940. o.A. Władysław Bartoszewski, Warszawski pierścień śmierci 1939-1944, Interpress, Warszawa 1970. Unter CC BY-SA 3.0

So fand in Pomerellen ein Gedenken an wenigen Orten statt und wurde auch nur lokal wahrgenommen. Bei den aus dem Deutschen Reich nach Polen verschleppten Behinderten existierten in Polen überhaupt keine Unterlagen. 

Die Gestaltung der Massengräber entsprach überwiegend der katholisch geprägten Grabkultur in Polen mit stark emotional bestimmter Martyrologie. Dabei wird Polen als „Christus der Völker“ verstanden. In der Gestaltung finden Anlehnungen an Kreuzwege und Golgata statt. Erst in den letzten Jahren sucht man nach anderen Formen, um Trauer und Erinnerung sichtbar zu machen. Auch verlagert sich das Gedenken von der Gruppe zunehmend mehr auf den einzelnen Menschen.

Grabanlage in Piasnica, 2011. Foto Jacub Raciborski
https://www.memorialmuseums.org/memorialmuseum/denkmal-fur-die-ermordeten-in-piasnitz#pid=3

Grabanlage in Piasnica.

Denkmal für die Häftlinge der Sonderkommandos, die zur Exhumierung von Leichen Hingerichteter gezwungen und später selbst erschossen wurden. Wald von Pia´snica. Gesehen in der o.g. Veranstaltung. TAL

In der Bevölkerung Polens besteht eine große Bereitschaft, die Gräber zu betreuen und zu pflegen.
red-

Beim nachfolgenden Empfang Jan Tadeusz Tombiński , polnischer Botschafter, Uwe Neumärker, Andrea Riedle. TAL