Manchem wird der Begriff des „Bromberger Blutsonntag“ im Zusammenhang mit dem deutschen Überfall auf Polen begegnet sein, einer Erzählung, die von der Goebbelschen Propaganda geprägt und so instrumentalisiert worden ist, dass sie auch nach Kriegsende weiterhin im deutschen Schrifttum auftauchte.

Stattdessen ist über die massenhaften Verbrechen bei Kriegsbeginn in Pomerellen, dem ehemaligen Westpreußen mit den Städten Thorun/Thorn, Bydgoszcz/Bromberg, Wejherowo/Neustadt in Westpreußen, nur wenig bekannt geworden.

Die polnische und die deutsche Geschichtsschreibung haben diese Geschehen lange Zeit nur am Rand behandelt. Dabei wurden Morde an Polen, an christlichen und jüdischen, begangen.



Foto o.A. – Tadeusz Kur,, Warszawa: wydawnictwo MON, 1975 Gemeinfrei

From the left: Josef Meier („Bloody Meier“), Werner Kampe–
mayor of Bydgoszcz; Ludolf-Hermann von Alvensleben
– leader of Selbstschutz.Gemeinfrei
.

Aber auch an polnischen und deutschen Behinderten, wobei letztere aus dem Reich nach Polen verschleppt worden waren. Diese Vorgänge standen im Zusammenhang mit der Aktion T4.
Die Täter dieser Verbrechen stammten zu einem Großteil aus dem Selbstschutz Westpreußen, aus der Wehrmacht und der SS. Die Mitglieder des Selbstschutzes fühlten sich der deutschen Volksgruppe in Pomerellen zugehörig und hatten sich kurzfristig bei Kriegsbeginn organisiert. Dabei wurden sie durch die SS unterstützt. Ihre Mitglieder besaßen keinerlei polizeiliche oder militärische Ausbildung. Das kann die Ursache für die oft grausamen Umstände bei den Hinrichtungen gewesen sein.






Am 1.September 2026 fand in der Topographie des Terrors eine Veranstaltung mit dem Titel NACH DEM ÜBERFALL AUF POLEN: DEUTSCHE MASSENVERBRECHEN IM HERBST 1939 statt. Die dazu eingeladenen beiden Gäste, Dr. habil. Tomasz Ceran, Pilecki-Institut, und Dr. Magdalena Sacha, Piasnitz-Museum Wejherowo/ Abteilung des Museums Stutthof, befassten sich aus unterschiedlichen Sicht mit diesem Thema.

Gesehen in der o.g. Veranstaltung. TAL
Zuerst beschrieb Tomasz Ceran die Schwierigkeit, belastbare Zahlen für die Verbrechen zu erhalten. In Pomerellen geht man von circa 400 Massengräbern aus. Viele Hinrichtungen fanden durch den Selbstschutz ohne jegliche Dokumentation statt. Rechtliche Verfahren waren die Ausnahme. Später wurden die Spuren dieser Taten zusätzlich verwischt: Durch Vernichtung von schriftlichen Unterlagen und durch Verbrennung der Leichen aus den Massengräbern ( Aktion 1005). Aber auch spätere archäologische Untersuchungen haben nur grobe Schätzungen ermöglicht.

Von den 305 geborgenen Leichen konnten nur 55 identifiziert werden. Gesehen in der u.g. Veranstaltung. TAL
.

Piaśnica (Groß Piasnitz) . Members of so-called „Volksdeutscher Selbstschutz“ are digging the mass graves for Polish convicts who will be executed in the next few minutes. Foto Waldemar Engler. Gemeinfrei



Gesehen in der o.g. Veranstaltung. TAL
Der brutale Umgang mit der polnischen Zivilbevölkerung und den behinderten Menschen hat wahrscheinlich auch die Schwelle für die Grausamkeiten des Holokaust gesenkt. Nach dem Krieg sind die Täter des Selbstschutzes nur vereinzelt zur Rechenschaft gezogen worden oder haben sich durch Flucht ins Ausland einer Verurteilung entziehen können.


http://www.zmartwychwstankirumia.pl/zmartwychwstanki.html . Lehrerin und anschließend Direktorin an der Klosterschule in Wejherowo.

Gesehen in der o.g. Veranstaltung. TAL
Als vorrangige Opfer wurden Mitglieder der polnischen Elite ermordet: Lehrer, Priester, Beamte, Offiziere. Aber auch persönliche Gründe wie Neid und nachbarschaftliche Konflikte führten zur Ermordung.


Die Hinrichtungen sollten in erster Linie dazu dienen, von vornherein Widerstand in der polnischen Bevölkerung zu ersticken. Insgesamt muss man von mehreren Zehntausend Opfern in Pomerellen ausgehen.

Synagoge in Bromberg (Bydgoszcz); erbaut 1884, zerstört 1939. Gemeinfrei,

o.A.- Janusz Gumkowski, Rajmund Kuczma „Zbrodnie hitlerowskie – Bydgoszcz 1939“, wydawnictwo Polonia, Warszawa 1967 Yad Vashem. Gemeinfrei

Warszawa: Interpress, 1974. Gemeinfrei
Parallel dazu fand ebenfalls die Ermordung der Juden statt. In Bydgoszcz konnte die Hälfte von ungefähr 5000 Juden fliehen, die übrigen wurden ermordet, und die Stadt Ende 1939 bereits als judenfrei erklärt.
Die hohe Zahl von Opfern erklärte Tomasz Ceran aus dem geschichtlichen Zusammenhang. Friedrich II. habe bereits früh eine Landverbindung zwischen Pommern und Ostpreußen gesucht. Im Rahmen der Teilungen Polens hat er das auch umsetzen können.

Preußens polnische Untertanen sind dann als ungebildet und unzivilisiert betrachtet worden. Daran hat sich auch Bismarcks Politik in den ursprünglich polnischen Provinzen ausgerichtet.

Matthias Küch – Eigenes Werk, basierend auf: dtv-Atlas zur Weltgeschichte, Illustrierte Deutsche Geschichte, Leisering Historischer Weltatlas, Blank map of Europe 1914.svg, Blank map of Europe 1929-1938
Der nach dem Versailler Verträgen geschaffene polnische Korridor ermöglichte Polen den wichtigen Zugang zur Ostsee, trennte aber wiederum Ostpreußen von Pommern. Und er schuf bei der Entstehung der Zweiten Polnischen Republik eine deutsche Minderheit in den Woiwodschaften Pomerellens. Insgesamt genug Gründe für die gegenseitigen Ablehnung bzw. Geringschätzung.

Magdalena Sacha beschrieb die schwierige Ausgangssituation bei der Erinnerung an die Opfer. Die Opfer waren fast ausschließlich anonym in Massengräbern und überwiegend in Wäldern verscharrt worden. Unter der deutschen Besatzung war der Zugang zu diesen Orten bei Todesstrafe verboten. Erst Todeserklärungen nach dem Krieg und vereinzelte Exhumierungen haben die Lokalisierung und Identifizierung von Opfern möglich gemacht. Dabei gab es nach dem Krieg auch eine politisch bestimmte Erinnerungskultur. Im Vordergrund standen die Opfer der Warschauer Zivilbevölkerung, die im Wald von Palmiry erschossen worden sind.

Narodowe Archiwum Cyfrowe. Gemeinfrei

So fand in Pomerellen ein Gedenken an wenigen Orten statt und wurde auch nur lokal wahrgenommen. Bei den aus dem Deutschen Reich nach Polen verschleppten Behinderten existierten in Polen überhaupt keine Unterlagen.
Die Gestaltung der Massengräber entsprach überwiegend der katholisch geprägten Grabkultur in Polen mit stark emotional bestimmter Martyrologie. Dabei wird Polen als „Christus der Völker“ verstanden. In der Gestaltung finden Anlehnungen an Kreuzwege und Golgata statt. Erst in den letzten Jahren sucht man nach anderen Formen, um Trauer und Erinnerung sichtbar zu machen. Auch verlagert sich das Gedenken von der Gruppe zunehmend mehr auf den einzelnen Menschen.

https://www.memorialmuseums.org/memorialmuseum/denkmal-fur-die-ermordeten-in-piasnitz#pid=3

Grabanlage in Piasnica.

Pomnik upamiętniający pomordowanych przez hitlerowców w Szpęgawskim lesie
LukaszKatlewa – Eigenes Werk

Pomnik upamiętniający pomordowanych przez hitlerowców w Szpęgawskim lesie
LukaszKatlewa – Eigenes Werk



In der Bevölkerung Polens besteht eine große Bereitschaft, die Gräber zu betreuen und zu pflegen.
red-
