Juden in der Neumark

Bei der Fahrt entlang der Oder stromaufwärts kann man bei Schwedt auf die rechte Oderseite wechseln und befindet sich in der früheren Neumark. Sie gehörte vor 1945 zu Brandenburg. Um Chojna/ Königsberg i.N. finden sich etliche kleine Städte, in denen man das Gefühl hat, dass die Zeit an ihnen vorbeigegangen ist. So die kleine Stadt Moryń /Mohrin in der deutlich von der Eiszeit geprägten Landschaft.

Heutiges Stadtbild von Moryń /Mohrin. TAL

Wenig ist über sie bekannt, wie auch über ihre kleine jüdische Gemeinde. Diese Gemeinde bestand seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts . Der Friedhof an der Stadtmauer wurde unweit des südlichen Stadttores in der uI. Lipowej begründet und befand sich so an der Rückseite der Synagoge.

Jüdischer Friedhof mit den Resten von Grabsteinen und dem Gedenkstein.
Dahinter die Stadtmauer und das Haus, in dem sich ursprünglich die Betstube befand. TAL

Der älteste Grabstein ist auf 1840 datiert. Der Friedhof war der einzige Besitz der Gemeinde. In der Pogromnacht 1938 wurde er von den Nazis zerstört. Als letzte in Moryń ansässige Juden sind Philipp Pagel und Max Wolff bekannt, die die Gemeindeleitung bis zum Schluss innehatten. Nach der Deportation der letzten beiden jüdischen Familien gab es kein jüdisches Leben mehr in der Stadt. Der Friedhof diente nach dem Krieg der Hühnerhaltung, die Grabsteine wurden anderweitig verwendet.

Jüdischer Friedhof mit den Resten von Grabsteinen. TAL

2006 begann der Verein „Przyjaciół Morynia i Jeziora Morzycko“ mit Aufräumungsarbeiten, schaffte einen Teil der urspünglichen Grabsteine herbei und machte die alte Friedhofsmauer wieder sichtbar. Mit Unterstützung des Bürgermeisters Jan Maranda wurde ein Gedenkstein davor errichtet. Mittlerweile steht der Friedhof unter Denkmalschutz.

Der Gedenkstein. TAL

Nur wenige Kilometer Richtung Oder entfernt liegt die Stadt Cedynia/Zehden. Sie erhielt bereits im 14. Jahrhundert die Stadtrechte. In die polnische Nationalgeschichte ist sie durch eine Schlacht im Jahr 972 eingegangen. Damals trafen hier der Herzog Mieszko I. von Polen und der vom Kaiser Otto I. eingesetzte Markgraf Hodo I. aufeinander. Nach dem Wiener Kongress fiel die Stadt zusammen mit der Neumark an Preußen.


Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ist auch eine kleine jüdische Gemeinde in der Stadt nachweisbar. Mitte des Jahrhunderts wurde aus privaten Mitteln eine Synagoge gebaut, die auch Juden der umliegende Orte besuchten. Die Größe der eigentlichen Gemeinde überstieg nie die Zahl von Fünfzig. Wegen der geringen wirtschaftlichen Möglichkeiten zogen etliche Familien wieder fort, sodass um 1900 nicht einmal mehr ein Minjan für den Gottesdienst zustande kam. 1933 hatte sich dann die Gemeinde bereits selbst aufgelöst.

Die wieder aufgestellten Grabsteine. TAL

Der jüdische Friedhof als letztes Zeugnis des jüdischen Lebens liegt an der ul. Kościuszka auf einer Anhöhe über der Stadt. Grabsteine weisen auf seine Gründung um 1800 hin. Ursprünglich war er durch eine Mauer umfasst und besaß wahrscheinlich auch ein Taharahaus zur Waschung der Toten. Davon sind heute nur noch Mauerreste und die Fundamente vorhanden.

Reste des oberen Friedhofeingangs. TAL

Wann der Friedhof zerstört worden ist, lässt sich nicht mehr genau bestimmen. Die Grabsteine wurden offenbar für Bauzwecke entwendet. Einige sind in letzter Zeit zurückgebracht worden, sodass jetzt wieder sieben Grabsteine dort stehen. Mittlerweile steht der Friedhof auch unter Denkmalschutz.

Informationstafel am Ort. TAL
Blick von der Anhöhe in Richtung auf die Oder. TAL

Der Lehrstuhl für Denkmalkunde der Europa-Universität Viadrina und der
Lehrstuhl für Deutsch-Jüdische Geschichte am Historischen Institut der Universität Potsdam haben 2019 zu der Geschichte der Juden in der Neumark recherchiert.

Siehe auch
https://gleis69.de/beidseits-der-unteren-oder
https://gleis69.de/am-wegesrand
https://gleis69.de/die-reichspogromnacht-in-stargard-eine-andere-geschichtehttps://gleis69.de/in-den-haeusern-der-anderen-vertreibung-und-inbesitznahme-in-westpolen
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