Ein berührender Abend am Mahnmal Synagoge Levetzowstraße


Auch diese Mal hatte unser jährliches Treffen zum 1. Oktober am Mahnmal Synagoge Levetzowstraße etwas Besonderes. Unser vertrauter Kreis war gut vertreten, etliche neue Gäste waren dabei. Der Gedenkort war mit Kerzen umgeben und mit Blumen geschmückt. Das Wetter hätte nicht besser sein können.

Zu Beginn haben wir uns an die Situation am1.Oktober 1941 erinnert, als die Gestapo die Einrichtung eines Sammellagers in der Synagoge befahl. Danach haben wir uns kurz die Entstehung unseres jährlichen Treffens hier in Erinnerung gerufen. Thomas berichtete von unserem Projekt mit dem Französischen Gymnasium und von der gestrigen Probe für eine szenischen Lesung im Bundespräsidialamt. Mit welcher Ernsthaftigkeit und Empathie die SchülerInnen die Texte dort vorgetragen und die verschiedenen Schritte der verabredeten Choreographie nachvollzogen haben. Und anrührend – zum Schluss bedankten sie sich dafür, dass sie bei dem Projekt dabei sein dürfen.
Da kommt dann kein Zweifel über die Sinnhaftigkeit solcher Schularbeit auf. –

Bei diesem Projekt geht es um die Vermögensverwertungsstelle in der NS-Zeit. Ihr Gebäude stand am Ort des neuen Bundespräsidialamtes in der Elisabeth Abegg-Straße Ecke Alt-Moabit. Dort wird am 12.10.2026 zusammen mit dem Bundespräsidenten die ursprüngliche Berliner Gedenktafel für diesen Ort ein zweites Mal enthüllt.


Anschließend hörten wir von Larissa drei Gedichte von Ilse Aichinger, die Charlotte ausgesucht hatte.

Winterantwort

Die Welt ist aus dem Stoff,
der Betrachtung verlangt:
keine Augen mehr,
um die weißen Wiesen zu sehen,
keine Ohren, um im Geäst
das Schwirren der Vögel zu hören.
Großmutter, wo sind deine Lippen hin,
um die Gräser zu schmecken,
und wer riecht uns den Himmel zu Ende,
wessen Wangen reiben sich heute
noch wund an den Mauern im Dorf?
Ist es nicht ein finsterer Wald,
in den wir gerieten?
Nein, Großmutter, er ist nicht finster,
ich weiß es, ich wohnte lang
bei den Kindern am Rande,
und es ist auch kein Wald.


Dreizehn Jahre

Das Laubhüttenfest ist weit,
der Glanz der Kastanien,
aufgereiht am Fenster des Gartenhauses.
Und noch im Raum
die Kerze,
die Religionen der Welt.
Der Wüstenstaub unter dem Fahrradschlauch.
Nach diesem Mittag
kommt die Dämmerung schneller.
Die Gefährten
und ein grünes Grab,
Rajissa.
Wir kommen abends wieder,
wir kommen nimmermehr.


Abgezählt

Der Tag, an dem du
ohne Schuhe ins Eis kamst,
der Tag, an dem
die beiden Kälber
zum Schlachten getrieben wurden,
der Tag, an dem ich
mir das linke Auge durchschoß,
aber nicht mehr,
der Tag, an dem
in der Fleischerzeitung stand,
das Leben geht weiter,
der Tag, an dem es weiterging.

Mit zwei Stücken für Trompete von Joe Hisaishi gaben uns Jacob und Ruben Gelegenheit innezuhalten. Da fühlten sich auch eine Reihe von Passanten und Menschen vom benachbarten Spielplatz angesprochen. Das waren sehr schöne Augenblicke. Für die anschließenden Gespräche gab es jetzt genug Anregungen. Die einbrechende Dämmerung verzauberte den schwierigen Ort schließlich durch das deutlicher werdende Kerzenlicht. Ein Abend, der allen in Erinnerung bleiben wird.
red-