Bemerkenswerter Festakt am 3. Mai 2022: 150 Jahre Hochschule für die Wissenschaft des Judentums

Projektion bei Beginn des Festaktes. Sie zeigt Ismar Elbogen beim Unterricht in der
Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. TAL

Eine Einladung dazu in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gab die Möglichkeit, einmal einen Blick aus den verschiedensten Blickwinkeln auf das liberale deutsche Judentum zu werfen.
Schon die Liste der ReferentInnen und der durch sie vertretenen Institutionen weckte Interesse. Angefangen vom Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie , dem evangelischen Theologen Prof. Christoph Markschies, über Prof. Julius Schoeps von der Moses Mendelssohn Stiftung, Staatssekretär Woop von der Senatskulturverwaltung, Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden, Bodo Ramelow als Ministerpräsident Thüringens, Rabbiner Prof. Homolka vom Abraham Geiger Kolleg Potsdam, Karin Prien als Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Rabbiner Prof. Andreas Nachama von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Dr. Mirjam Thulin von der Universität Frankfurt und Sonja Güntner von der European Union for Progressive Judaism (London). Die Moderation der Veranstaltung lag bei Dr. Elke-Vera Kotowski von der Moses Mendelssohn Stiftung.

Prof. Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. TAL

So vielfältig die Schar der ReferentInnen, so unterschiedlich waren auch ihre Redebeiträge.
So berichtete Christoph Markschies von seinem Theologiestudium in Tübingen und seiner erst späten Begegnung mit Ismar Elbogen, einem der großen Lehrer an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Er beschrieb die weitgehende Ausgrenzung der jüdischen Theologen aus dem damaligen Universitätsleben und die verpasste Gelegenheit für einen interreligiösen Dialog. Erst spät verzichtete die Theologische Fakultät der Friedrich Wilhelm Universität zu Berlin auf die Forderung einer Judenmission.

In Vertretung von Julius Schoeps beschrieb Elke-Vera Kotowski die Fortschritte der letzten Jahrzehnte bei der Etablierung von Jüdischen Studien. Julius Schoeps hatte einen tragenden Anteil daran. So entstand das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, das Zentrum für Jüdischen Studien, das Moses Mendelssohn Zentrum und der interdisziplinäre Studiengang am Selma Stern Zentrum in der Tradition der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Ein großer Fortschritt.

Gerry Woop schlug einen großen Bogen von der Gründung der Berliner Rabbinerseminare im 19. Jahrhundert, der Entstehung des liberalen und des neo-orthodoxen Judentums bis zum 1. Jüdischen Zukunftskongress 2018 in Berlin. Dabei verglich er die Vielfalt der unterschiedlichen religiösen Richtungen innerhalb der jüdischen Einheitsgemeinde mit der Vielfalt der aktuellen deutschen Gesellschaft und ihren zahlreichen Minderheiten.

Abraham Lehrer schilderte Entstehung und Geschichte der Hochschule bis zu ihrer erzwungenen Schließung 1942 und die Bedeutung Ihres Rektors Leo Baeck. Dabei stellte er die drei großen Richtungen des deutschen Judentums, die liberale Ausprägung, die des Masorti- und des neo-orthodoxen Judentums nebeneinander.

Bodo Ramelow, aus Thüringen zugeschaltet, berichtete von seiner gleichzeitigen Teilnahme am Festakt auf der Wartburg für 500 Jahre Luthersche Bibelübersetzung. Vor allem wies er aber auf die Notwendigkeit hin, das Judentum wissenschaftlich zu durchdringen und so die Voraussetzung für ein erfolgreiches interreligiöses Gespräch zu schaffen – und auf den thüringischen Landesrabbiners, Alexander Nachama.

Karin Prien blickte ebenfalls auf die Geschichte der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zurück und setzte sie in Beziehung zu ihrer Erfahrung im Studium: Hochschule sei der Ort des intensiven Studierens in der Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

Walter Homolka beschrieb als wichtige Quellen für das Reformjudentum Leopold Zunz, der bereits 1818 die wissenschaftliche Erarbeitung des Judentums gefordert hatte, Abraham Geiger als hervorragenden Reformer und das erste deutsche Rabbinerseminar das Jüdisch-Theologisches Seminar Fraenckel’sche Stiftung in Breslau. Ziel war es vor allem für Geiger die Gleichwertigkeit mit den theologischen Fakultäten der Universität zu erreichen. Ein Ziel, das noch in weiter Ferne lag. So war es für Juden in Berlin nur möglich, akademische Grade an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Nachbarfächern wie Philologie, Geschichte oder Philosophie zu erlangen. Der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums wurde in der NS-Zeit sogar der Hochschulstatus wieder aberkannt. So blieb das Ziel der akademischen Gleichwertigkeit des jüdischen Theologie weiterhin bestehen. Gerade zur jüdischen Selbstversicherung in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels. Es ist jetzt endlich mit der Etablierung der Jüdischen Studien an der Universität Potsdam erreicht. Gleichzeitig betonte Homolka, wie wichtig es für religiöse Institutionen sei, ihre Unabhängigkeit vom Staat zu bewahren. Von ähnlichem Gewicht sei die Gleichberechtigung der verschiedenen Religionen untereinander.

Abraham Geiger Kolleg am Neuen Palais in Potsdam. TAL

Andreas Nachama beantwortete die Frage nach dem Ort von Jerusalem, dass der für lange Zeit nur im himmlischen Jerusalem zu finden gewesen sei. Nachdem aber in Palästina 1918 die Hebräische Universität gegründet wurde, sei im Osten ein Licht aufgegangen. Mittlerweile sei auch in Deutschland die jüdische Theologie in der Universität angekommen. Dafür, dass Walter Homolka dieses Ziel mit einer Vision und Chuzpe beharrlich verfolgt und jetzt auch erreicht habe, bedankte er sich ausdrücklich.

Mirjam Thulin berichtete aus der Forschung zu den Rabbinerseminaren des 19. Jahrhunderts. Ihre Tätigkeit hätten die jüdische Aufklärung und Fortschritte in der Bildung befördert und ebenso für wissenschaftliche Grundlagen im Umgang mit Thora und Talmud gesorgt. Dadurch sei ein vollständiger Umbau in der jüdischen Religionsvermittlung notwendig geworden. Nachdem es früher im Judentum keine systematische Ausbildung für den religiösen Unterricht gegeben hat, haben die Rabbinerseminare den Weg für einen akademisch qualifizierten Rabbiner frei gemacht.

Sonja Güntner bezog sich auf Regina Jonas Feststellung “Gott habe nicht nach dem Geschlecht gefragt . . .” und beschrieb die Gründung des liberalen Rabbinerseminars durch Abraham Geiger als Bildungschance für Jüdinnen. So habe sich ihre Gleichberechtigung von Deutschland und Europa weiter in die USA ausgebreitet. Mittlerweile sind auch in einem Teil der jüdischen Gemeinden egalitäre Verhältnisse selbstverständlich. In diesem Zusammenhang erwähnte sie als beispielhaft Jeanette Wolff und ihr Leben.

Andreas Nachama, Mirjam Thulin, Christoph Markschies, Walter Homolka auf dem Podium (li – re), Elke-Vera Kotowski moderiert. TAL

Die Veranstaltung wurde durch ein Podiumsgespräch und den folgenden Empfang abgeschlossen.

Rabbiner Prof. Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kolleg, Potsdam. TAL

Gerade werden Vorwürfe gegen das Abraham Geiger Kolleg laut. Sollten sie sich bewahrheiten, stellten sie eine erhebliche Belastung für das liberale Judentum in Deutschland dar.
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