AMCHA berichtet.

In der letzten Woche lud AMCHA Deutschland zu der gut besuchten Tagung „Sequenzen. Nie befreit?“ ein. Dabei konnten die TeilnehmerInnen Aktuelles zu der Arbeit dieses Vereins und zum Schicksal von Holokaust-Überlebenden und Nachkommen erfahren. Vier Panels präsentierten sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten .


Von li nach re: Prof. Christian Pross, Arzt, Psychotherapeut, Medizinhistoriker – Dr. Sharon Kangisser Cohen, Holocaustforscherin / Hebräische Universität Jerusalem -Dr. Elisabeth Gallas, Historikerin /Leibniz-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur –
Moderation Prof. Andrea Löw, Historikerin/ Zentrum für Holocaust-Studien München. TAL

Unter der Überschrift SCHWEIGEN (1945 – 1980) wurde die fehlende Auseinandersetzung mit den Erfahrungen des Holokaust in den ersten Nachkriegsjahrzehnten beleuchtet. Diese Auseinandersetzung fand damals weder in der Öffentlichkeit noch in den Familien von Opfern und Tätern statt. Starke Gefühle wie Scham – überlebt zu haben – und Schuldbewusstsein – Täter oder Kollaborateur gewesen zu sein – führten zu einer allgemeinen Verdrängung. Gleichzeitig erhielten jüdische Stimmen, die im Krieg und direkt nach Kriegsende beispielsweise in Polen umfangreiches Material über die NS-Verbrechen zusammentrugen oder wie Joseph Wulf, der in Berlin eine umfangreiche Dokumentation über das Dritte Reich erstellte, kein Gehör. Aber auch ein so gewichtiger Zeuge wie Abraham Sutzkever, Dichter und Widerstandskämpfer in Wilna, wurde erst spät gebührend wahrgenommen.
In Deutschland sahen sich Holokaust-Überlebende bei ihrer Suche nach Gerechtigkeit erneut mit Vertretern der überwunden geglaubten NS-Zeit konfrontiert. In Israel waren Staat und Gesellschaft mit dem Aufbau eines neuen Gemeinwesens beschäftigt. Die UdSSR richtete sich wenige Jahre nach Kriegsende auf die Konfrontation des Kalten Krieges ein und mochte keine separaten Interessen von Opfergruppen mehr wahrnehmen. Auch das Wissen um die tiefgehende Traumatisierung der Opfer und die Weitergabe dieser Verletzungen an die nächsten Generationen musste erst in den Folgejahren erarbeitet und dann gesellschaftlich akzeptiert werden. So fehlte den Betroffenen oft die Fähigkeit und der Raum, sich durch ein vertrauensvolles Gespräch zu entlasten – und sie schwiegen. Erst AMCHA schaffte als zivilgesellschaftliche Kraft in der Tradition der Chewra Bikur Holim mit der notwendigen psychsozialen Struktur die Voraussetzungen dafür.


Von li nach re: Dalia Sivan, klin. Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin/ AMCHA – Dr. Elke Gryglewski, Politologin/ Stiftung niedersächsische Gedenkstätten – Moderation Dr. Matthias Heyl, Historiker/ Gedenkstätte Ravensbrück. TAL

Das Panel BEARBEITUNG (ab 1980er Jahre) beschrieb den langen oft mühsamen Weg, auf dem sich das Bewusstsein für die NS-Verbrechen und die Wahrnehmung für die bleibenden Verletzungen der Holokaustopfer entwickelte. Wichtige Markierungen dafür waren der Frankfurter Auschwitz-Prozess, der Eichmann-Prozess, die amerikanische Fernsehserie über den Holokaust und auch der Historikerstreit. Damit verbunden war auch die Anerkennung der anderen Opfergruppen. Unter anderem der Sinti und Roma, der Schwulen und Lesben , der Zeugen Jehovas.

Durch die Arbeit von AMCHA fanden vor allem die Überlebenden des Holokaust in Israel ihre verdiente Anerkennung. Gleichzeitig wuchs damit die Bedeutung der Zeitzeugen, deren allmähliches VersterbenIn Deutschland wurden die blinden Flecken der Lager für die Displaced Persons aufgeklärt und die einzelnen Familien fanden die Kraft und Möglichkeit sich mit ihrem häufig osteuropäischem Herkommen zu beschäftigen. Dafür beispielhaft ist die Plattform JewishGen.org .


Von li nach re: Dr. Alina Bothe, Historikerin/ Projekt Last Seen/ Selma Stern Zentrum für jüdische Studien – Dr. Yuriy Nesterko, Psychologe/ Universität Leipzig, Zentrum Überleben – Maya Lasker-Wallfisch, Psychoanalytikerin – Moderation Dr. Elke Gryglewski, Politologin/ Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. TAL

In der dritten Sequenz WIDERSTAND (heute) wurde die Analyse des menschlichen Gewalttätigseins angesprochen, die unangenehme und schmerzhafte Aufgabe, in die Abgründe der eigenen Seele hineinzuleuchten. Diese Aufgabe wurde den ritualhaften Abläufen von Gedenkanstalten gegenübergestellt und als grundlegend für das Verstehen der Verbrechen und für einen Weg zur Verhaltensänderung betrachtet. Zu diesem Vorhaben könnenFotos der Deportationen und ihre kritische Analyse beitragen. Dabei wird deutlich, wie in Deutschland Juden aus der Mitte der Gesellschaft ausgegrenzt und zunehmend an den Rand gedrängt wurden.
Beispielhaft lässt sich das aus den Fotos der Deportationen aus Lörrach nachvollziehen. Da beobachten Nachbarn aus ihren geöffneten Fenstern ungeniert das Geschehen vor ihrem Haus. Das Projekt „Last seen“ des Selma Stern Zentrums für jüdische Studien bearbeitet diesen Komplex – auch unter dem Motto Erinnerung ist Widerstand.

Eine persönliche Note brachte dabei Maya Lasker-Wallfisch in das Panel. Ihre Mutter Anita Lasker-Wallfisch ist als Cellistin im Mädchenorchester von Auschwitz bekannt geworden. Beide sind in verschiedener Weise in der Erinnerungsarbeit engagiert.


Marina Chernivsky, Psychologin/ Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung –

Prof. Tobias Ebbrecht-Hartmann, Medienwissenschaftler/ Hebräische Universität Jerusalem. TAL

In der letzten Sequenz RE-AKTUALISIERUNG stellte Marina Chernivsky ihr Buch„Bruchzeiten. Leben nach dem 7. Oktober“ vor. In den persönlich bestimmten Texten schilderte sie im Gespräch mit Tobias Ebbrecht-Hartmann Verbindungen zu den Geschehnissen in der Ukraine und in Israel.

Ein lange und informative Tagung, die ihre BesucherInnen sicherlich nachdenklich in den kalten Berliner Winterabend entließ.
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