Vor 80 Jahren – der Warschauer Aufstand von 1944.

Denkmal für den kleinen Aufständischen an der Warschauer Stadtmauer. TAL

Im Juni hatte die Stiftung Topographie des Terrors im Vorfeld des 80. Jahrestages des Warschauer Aufstandes von 1944 zu einer Veranstaltung eingeladen.

Prof. Stephan Lehnstaedt von der Touro-University Berlin erhielt die Gelegenheit, sein gerade zu diesem Thema erschienenes Buch vorzustellen. Er hatte es im Auftrag der Bundeswehr für die Reihe “Kriege der Moderne” bei Reclam erstellt. Deshalb gab es eine kurze Einleitung von Oberst Dr. Sven Lange, dem Leiter des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Er erläuterte die Arbeit des Zentrums und die Ausrichtung der Buchreihe. Frau Dr. Agnieszka Wierzcholska von der Stabsstelle für das Deutsch-Polnische Haus stellte Prof. Lehnstaedt als ausgewiesenen Experten mit dem Schwerpunkt der polnischen Geschichte, insbesondere in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, vor. Sie übernahm auch die Moderation des Abends.

Prof. Stephan Lehnstaedt . TAL

Lehnstaedt legte in seinem Vortrag den Schwerpunkt auf die Bildsprache der beiden am Warschauer Aufstand beteiligten Seiten.

Die folgenden Fotos stammen von Fotografen einer SS-Propagandakompanie.

Sprengpanzer Goliath.

Während auf der deutschen Seite fast ausschließlich durch Wehrmachts- und SS-Angehörige Fotos zu Propagandazwecken entstanden, fotografierten bei den polnischen Aufständischen eine Gruppe von professionellen Fotografen ohne Auftrag und ohne Aussicht, diese Bilder in absehbarer Zeit veröffentlichen zu können.

Die folgenden Fotos stammen von polnischen Fotografen während des Aufstands in Warschau.

Gefangene Deutsche werden aus dem PAST-Gebäude geführt. 20.08.1944.. Fotograf Eugeniusz Lokajski .
Der von der AK eroberte Panzer wurde bei der Befreiung des KZ Warschau eingesetzt.
Leichen in Warschau.

Während der Warschauer Aufstand von 1944 in der deutschen Geschichtsschreibung und auch in der deutschen Öffentlichkeit bis jetzt wenig wahrgenommen wurde, stellt er für die polnische Nachkriegsgeschichte ein zentrales Ereignis dar. Das wurde in den Jahren der Volksrepublik Polen mit Rücksicht auf die Geschichtsauffassung der UdSSR eher unterdrückt. Aber mit dem politischen Wandel durch Solidarnosc ließ sich die geschichtliche Wahrheit nicht länger verschweigen. In der Folge entstanden eine Fülle von Publikationen, auch mit den polnischen Fotos des Aufstandes, und zahlreiche Denkmäler. Außerdem gab es jetzt die Möglichkeit zu einer breiten politischen und gesellschaftlichen Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Warschauer Aufstandes und entsprechend unterschiedliche Narrative.
Die für den Aufstand Verantwortlichen der Armia Krajowa (AK) werden sicher unter dem Eindruck der polnischen Aufstände des 19. Jahrhunderts und des gerade erfolgten Warschauer Ghetto-Aufstandes gestanden haben. Außerdem sahen sie sich durch das Manifest von Lublin am 22. Juli 1944 herausgefordert. Damit hatte die UdSSR ihre Vorstellung von einem sozialistischen Polen deutlich gemacht. Die der zweiten polnischen Republik verpflichteten Kommandeure der AK setzten mit dem Aufstand alles daran, um die Rote Armee als Sieger in ihrer Hauptstadt Warschau empfangen zu können. Die möglichen zivilen Opfer wurden dabei kaum bedacht.
Für eine kurze Zeit nach Beginn des Aufstandes konnte die Warschauer Bevölkerung ein lange Zeit entbehrtes Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmtheit erleben. Bald aber kündigten die massiv ansteigenden Zahlen an Toten, der Ausfall der Elektrizitäts-und Wasserversorgung und die zunehmenden Gebietsverluste die totale Kapitulation an. Polen hatte eine ganze Generation an Jugendlichen und jungen Erwachsenen verloren.

Agnieszka Wierzcholska und Stephan Lehnstaedt beim anschließenden Gespräch. TAL

Man nimmt über 150 000 zivile Opfer an. Der beteiligte SS-Führer Heinz Reinefarth sprach von 250 000 Toten. 500 000 Menschen wurden aus Warschau in Zwangsarbeit oder KZ deportiert. Zurück blieb eine Steinwüste. Waren bei der Eroberung Warschaus durch die Deutsche Wehrmacht 30% der Gebäude zerstört worden und beim Ghettoaufstand noch einmal 15%, fielen weitere 45% der Stadt durch Beschuss, Bombardierung und unsinnige Sprengungen im Zusammenhang mit dem Aufstand zum Opfer. Erhalten blieben zum Schluss 10% der Vorkriegsgebäude.

Innenstadt von Warschau 1945.

In Deutschland wird die Wahrnehmung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges noch in großen Teilen von blinden Flecken bestimmt. So sind die Morde an Roma, Polen, Behinderten und anderen Minderheiten während der deutschen Besetzung Polens kaum bekannt. Sie werden in einer Größenordnung zwischen 800 000 und 1,5 Millionen vermutet.
Dieses Wissen um die Opfer Polens sollte auch im weiteren Umgang mit unserem Nachbarn gegenwärtig bleiben.
art-

Die hier abgebildeten Bilder entstanden bei der genannten Veranstaltung in der Stiftung Topographie des Terrors am 5.06.2024.