Hirnforschung und nationalsozialistische Verbrechen

Vortrag / Podiumsdiskussion am Dienstag, dem 20.10.26 in der Topographie des Terrors

Die Zusammenhänge zwischen nationalsozialistischer Verfolgungs- und Vernichtungspolitik und wissenschaftlichen Sammlungen wurden lange Zeit ausgeblendet. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch und die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie in München nutzten die sich im Nationalsozialismus bietende Gelegenheit, sich Tausende von Gehirnpräparaten zu beschaffen, um an ihnen zu forschen. Die damals angelegten Sammlungen gingen nach Kriegsende auf die Max-Planck-Institute für Hirnforschung und für Psychiatrie über. Die Menschen, deren Gehirne noch jahrzehntelang ohne ihre Zustimmung der Wissenschaft dienten, waren zu einem großen Teil Opfer der NS-„Euthanasie“, der systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen. Weitere Präparate stammten von jüdischen und nichtjüdischen Opfern der deutschen Besatzung vor allem in Polen, von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und Opfern der NS-Justiz. Eine internationale unabhängige Historikergruppe hat diese Geschichte in einem von der Max-Planck-Gesellschaft finanzierten Projekt umfassend untersucht sowie die Namen und Schicksale von mehr als 1.900 Opfern recherchiert und damit die Grundlage für die würdige Bestattung der menschlichen Überreste auf dem Münchner Waldfriedhof geschaffen. 

In zwei korrespondierenden Veranstaltungen in Berlin und München präsentieren die Leiter des Forschungsprojekts ihre Ergebnisse mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Im Zentrum steht die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft, Ideologie und Politik im Nationalsozialismus und den Nachwirkungen. Welche Rolle spielten Forschende der betroffenen Institute bei den NS-Verbrechen? Warum dauerte die Aufarbeitung so lange, und wie kann man der Opfer heute und in Zukunft würdig gedenken? 

Wilhelm Toennis. Toni Oberniedermayr, Eitempera auf Hartfaser-platte,
1961. https://rektorenportraits.uni-koeln.de/rektoren/wilhelm_toennis/

Die Wirkungen dieser verbrecherischen Forschungen gingen weit über die NS-Zeit hinaus. Die Protagonisten konnten überwiegend, ohne sich verantworten zu müssen, ihre wissenschaftlichen Karrieren fortsetzen und teilweise hoch geehrt abschließen. Von den Opfern wurde nicht gesprochen. Wir haben dazu die Ausstellung zur Klinik am Hansaplatz gezeigt, über den Mahnort Ihnestraße 22 und die Beerdigung Hinterlassenschaften von sogenannten anthropologischen Forschungen auf dem Dahlemer Friedhof berichtet.
red-