In der letzten Woche fand in der Topographie des Terrors die Vorstellung des Buches „Polnische Bürgermeister und der Holocaust“ statt. Nach einer Terminverschiebung im November 2025 und einem „Wortwechsel“ in der FAZ konnten sich alle Beteiligten der Aufmerksamkeit sicher sein, als der Termin jetzt Anfang März nachgeholt wurde. Zu Beginn bezog sich Andrea Riedle als Hausherrin auf die Irritation wegen des verschobenen Termins und betonte, wie wichtig sie das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit nähme. Auch die Mitveranstalterin Stefanie Schüler-Springorum bestätigte diese Einstellung und räumte ein, dass es in der Folge zu Diskussionen kommen könne, deren Schärfe man dann aber aushalten müsse.


Nach der Vorstellung des Autors Grzegorz Rossolinski-Liebe führte Frau Schüler-Springorum auch den Moderator des Abends Markus Nesselrodt ein.

Das Buch bezieht neben Warschau weitere Orte und handelnde Personen im Generalgouvernement ein.
Die vorgestellten 28 Bürgermeister, teils polnisch teils volksdeutsch, nahmen ihre Aufgabe in der Zwangskooperation auf unterschiedliche Weise wahr. Durch die Einrichtung von Ghettos und die Sicherstellung von Entrechtung, Verfolgung und Deportation hatte ihr Verwaltungshandeln unmittelbaren Einfluss auf die Situation der jüdischen Polen. Dabei waren sie den deutschen Kreis-und Stadthauptmännern der Besatzungsverwaltung direkt verantwortlich und mussten polnisches und übergeordnetes deutsches Recht beachten. Ein geringer Teil der Bürgermeister hatte Kontakt zum polnischen Untergrund, der Armia Krajowa, und auch zur polnischen Exilregierung in London.

Rossolinski-Liebe beschrieb beispielhaft das Handeln in diesem Beziehungsgeflecht anhand der Person des Warschauer Bürgermeisters Kulski (1939 – 1944). Nach der Ermordung seines Vorgängers hatte er diese Aufgabe übernommen, hatte das Ghetto auf weniger als 3 % der Stadtfläche begründet und auf Druck von polnischen Interessen weiter verkleinert. Das Steueraufkommen der im Ghetto lebenden Juden kam überwiegend der polnischen Bevölkerung der Stadt zugute. Warschau nutzte auch die Arbeitskraft von 120000 jüdischen Zwangsarbeitern für städtische Aufgaben.Gleichzeitig half seine Verwaltung Juden, ihren Besitz vorläufig zu retten, indem sie ihn auf christliche Bekannte umschrieben. Auch „christianisierte“ sie Juden durch gefälschte Unterlagen.
Als Privatmann dagegen versteckte Kulski mit seiner Frau Juden und stellte ihnen auch gefälschte Dokumente aus.

Den polnischen Bürgermeistern kamen so eine Schlüsselfunktion in der Organisation des Holokaust zu, insbesondere, da der deutsche Anteil der Besatzungsverwaltung nur 2% betrug. Die deutschen Vorgesetzten beschränkten sich darauf, Wichtiges zu entscheiden und die Ausführung zu überwachen. Ohne diese Form der Kollaboration hätte das Deutsche Reich keines der besetzten Länder überhaupt verwalten können. Die zu verwaltende Bevölkerung umfasste in dem von der deutschen Wehrmacht besetzten Europa bis zu 220 Millionen Menschen. In dieser Zeit kamen gleichzeitig ca 20 Millionen Menschen zu Tode.

Rossolinski-Liebe ordnet die polnischen Bürgermeister in diesem Spannungsfeld zwischen Zwang und Freiwilligkeit als Schreibtischtäter ein, weil sie eben auch an der Organisation des Holokaust beteiligt waren. In diesem Zusammenhang sind aber Umfang und Art der Kollaboration immer präzise zu beschreiben.
Nach Kriegsende hat die polnische Justiz die polnischen Bürgermeister fast auschließlich straffrei ausgehen lassen, wahrscheinlich auch deshalb, weil sie deren Tätigkeit unter der deutschen Besatzung nicht richtig verstanden hatte. Dagegen wurden volksdeutsche Bürgermeister mit ihrer großen Nähe zum NS-Regime
überwiegend verurteilt und auch hingerichtet.

Im Nachkriegspolen wurde die Geschichte der Besatzungszeit politisch weitgehend ausgeblendet, obwohl die Erfahrungen dieser Zeit in der Bevölkerung noch immer gegenwärtig sind. Die PIS-Regierung hat dann unter dem Eindruck von Veröffentlichungen über Jedwabne und dem Ausmaß polnischer Kollaboration ein neue Form von Geschichtserzählung entwickelt, die den heroischen Widerstand Polens und die ausgedehnte Hilfe für jüdische Polen betont.
Aber auch historische Untersuchungen in anderen unter der deutschen Besatzung leidenden Ländern belegen, dass die dortigen Judenverfolgungen nicht ohne die Mithilfe der vorhandenen Verwaltungen möglich gewesen wären. Der dort ebenfalls vorhandene Antisemitismus war ein Teil der Motivation für die Kollaboration. Dabei darf die Gefahr der Relativierung der deutschen Täterrolle aber nicht übersehen werden.
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Die Terminverschiebung kam offenbar auf Intervention polnischer Regierungskreise zustande. Der Grund dafür wurde nicht bekannt. Dabei gerieten die Veranstalter unter Druck. Wünschenswert wäre es dagegen gewesen, wenn die ensprechenden staatlichen Stellen auf deutscher Seite diesen Eingriff vorher abgefangen hätten.
red-
Der Verlag De Gruyter / Oldenbourg stellt das Buch dankenswerterweise auch als pdf-Datei zur Verfügung.