Living with Islamophobia – Der muslimfeindliche Rassismus

Synagoge Levetzovstraße

living with Islamophobia 2018

Die internationale Konferenz „Living with Islamophobia“ im Jüdischen Museum Berlin kann man nur als wirklich gelungen bezeichnen.Sie fand vom 11. bis 12 Oktober 2018 statt und war unter anderen von der W. Michael Blumenthal Akademie des Jüdischen Museums Berlin, der Alice-Salomon Hochschule Berlin und dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung in Kooperation mit dem Rat für Migration und der Universität Salzburg organisiert worden. Als ReferentInnen und organisatorInnen waren kompetente Fachleute aus den USA, Kanada, Großbritannien, Irland, Österreich und Deutschland eingeladen, deren Wurzeln sich teilweise über einen Großteil der muslimischen Welt erstreckten. Im Publikum fanden sich ebenfalls eine Vielfalt an Ethnien und Altersgruppen, was sich auch in der Lebhaftigkeit der Diskussion wiederspiegelte. Zur Einstimmung in die aktuelle Situation hatten die Veranstalter folgenden Text der Konferenz vorangestellt:

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living with Islamophobia 2018

Der europaweite Erfolg rechtspopulistischer Parteien schlägt sich seit dem Einzug der AfD in den Bundestag ebenso hierzulande in hitzigen Debatten um nationale Sicherheit und restriktive Migrations- und Asylpolitik nieder. Diskurse der »Unterwanderung« und »Überfremdung« stoßen auch jenseits des rechten Randes zunehmend auf Resonanz. Forderungen nach Grenzabschottungen, einer Obergrenze für Geflüchtete und vermehrten Abschiebungen werden begleitet von einer »Kulturkampf«-Rhetorik, die eine »Islamisierung des Abendlandes« behauptet. Auch außerhalb Europas sind das Feindbild Islam und die mit ihm einhergehenden Kontroll- und Disziplinierungsmaßnahmen weiter auf dem Vormarsch. Dies zeigt etwa der von Donald Trump in den USA initiierte »Muslim Ban«. Über nationale Grenzen hinweg sehen sich Muslim*innen und als muslimisch markierte Menschen mit institutionellen und strukturellen Ausschlüssen sowie alltäglichen Anfeindungen und Übergriffen konfrontiert. Die Konferenz Living with Islamophobia rückt erstmals die Betroffenenperspektive ins Zentrum. Sie lenkt den Blick auf Rassifizierungsprozesse entlang von Kultur und Religion, auf Themen der Versicherheitlichung sowie die Rolle von Sexualität und Gender im antimuslimischen Rassismus – und fragt nach Strategien des Umgangs, der Erprobung von Gegennarrativen und Möglichkeiten des Empowerments. Sie richtet sich sowohl an ein Fachpublikum als auch an die breite Öffentlichkeit und öffnet den Raum für den interdisziplinären und transnationalen Austausch.

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Um die verschiedenen Sichtweisen auf das Thema zu beleuchten, gab es fünf Pannels :
Claim – Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit
Processes of Racialization
Securitization and Sexualisation
Counter Strategies and Empowerment, und zum Schluß
Deutsche Perspektiven.

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Auf Grund der Faktenmenge, die in kurzer Zeit angeboten wurde und verarbeitet werden wollte, lassen sich nur Streiflichter formulieren.
Grundsätzlich sind genaue demographische und soziologische Daten zu erheben, um eine fundierte Diskussion mit staatlichen Institutionen,mit der Mehrheitsgesellschaft und innerhalb der Minderheiten, wie immer sie sich auch selbst definieren, zu führen. Dabei wird oft deutlich, daß rassistische Vorfälle einen engen Bezug zu politischen Ereignissen wie Wahlen haben. Politiker können nämlich häufig nicht der Versuchung widerstehen, sich rassistischer Äußerungen zur Begründung eigener Anschauungen zu bedienen. Dazu benutzen sie dann die Mittel des Political Framing. Gegenmittel sind auf jeden Fall die Kommunikation und Allianz zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die immer wieder für Feindbilder herhalten müssen, seien sie religiös, ethnisch oder sozial definiert. Wichtig ist es, die soziale Schädlichkeit des Rassismus zu erkennen.Der Kampf gegen ihn bindet eine Unmenge an Ressourcen und Zeit. Insbesondere sind Frauen durch ihn betroffen und weitgehend wehrlos, sie werden in ihrer Mobilität eingeschränkt, damit in ihren Bildungsmöglickeiten, in ihrer Gesundheitsfürsorge und in der Lebenserwartung. Aus der Erfahrung des verfolgten Mitmenschen lassen sich auch Erkenntnisse für die eigene Lebenssituation ableiten, verfolgte Muslime können von jüdischen Flüchtlingen Überlebens- und Durchsetzungsstrategien lernen. Gleichzeitig besteht so die Chance des genauer aufeinander Hörens. Durch mehr Wissen sind differenziertere Betrachtungen und Diskussionen möglich. Eine kritische Sicht auf den Zionismus muß nicht gleichbedeutend mit Antisemitismus, besser Antijudaidismus sein. Deutlich wurde immer wieder das einschneidende Datum von 9/11. Plötzlich bekamen viele Menschen mit dunklerer Hautfarbe und anderem Aussehen das Etikett Muslim. Vorurteile aus dem Bereich des Kolonialismus und des Orientalismus wurden wieder virulent. In der weißen, christlich aber auch sekulär geprägten Gesellschaft wurden diffuse Ängste bis in den Bereich der Sexualität wach. Ein deutliches Gefühl der Unsicherheit machte sich gerade bei einfacheren Menschen breit. Deshalb ist wichtig in Gegenstrategien die ganze Breite der Gesellschaft miteinzubeziehen, insbesondere ist dabei ein ungefährdetes Vertrauen in staatliche Institutionen und ihre Neutralität eine Grundvoraussetzung. Dazu kam dann auch der Hinweis auf die völlig sinnentleerte Diskussion, ob der Islam Bestandteil der deutschen Gesellschaft sei. Ein weiterer Beitrag beleuchtete die Instrumentalisierung des Rassismus in der individuellen Beziehung, bei individuellen Aktionen, als politisches Werkzeug, in seiner psychologischen Wirksamkeit und zur Erhaltung der weißen Vormachtstellung. Die Frage nach der Definition des Rassismus, ob er kulturell, biologisch, religiös oder durch das Aussehen begründet sei, zeigte die Unschärfe des Begriffs. Bei der Analyse der Muslime in den USA ergaben sich im Gegensatz zu den weit verbreiteten Vorurteilen keine Unterschiede zur weißen, christlichen Bevölkerung in der Häufigkeit des Betens, im Wahlverhalten,im Schulabschluß, in der Häufigkeit der Einkommen über 100 000 $ / Jahr. Trotzdem werden Muslime in den USA häufig als Bedrohung, als Feind empfunden. So läßt sich eine mehrjährige verdeckte Beobachtung der muslimischen Bevölkerung und ihrer Strukturen durch die New Yorker Polizei verstehen. Sie konnte keine weitergenden Erkenntnisse erbringen.

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Betrachtet man die weltpolitische Entwicklung der letzten Jahrzehnte, so drängt sich einem die Erkenntnis auf, daß nach der allgemeinen politischen Wende, dem Sieg der USA im Kalten Krieg dem militärisch-industriellen Komplex der Feind abhanden gekommen ist. Nach 9/11 war er plötzlich wieder da – als Muslim, der in der Gestalt des inneren Feindes (Fünfte Kolonne) und des äußeren Feindes auftreten kann. Die Sicherheit der Bürger wird groß geschrieben, riesige, neue Behörden mit weitgehenden Kompetenzen werden geschaffen, die Gesellschaft trägt eine neue Bürde. Bei der Reflexion der Rolle und des Selbstverständnisses der europäischen Gesellschaft wird eine deutliche Verunsicherung sichtbar. So ist die Islamophobie hier auch als Projektion auf einen äußeren Feind zu deuten. Als Resumee läßt sich festhalten, daß alle gesellschaftlichen Gruppen,die sich den Menschenrechten verpflichtet fühlen, unabhängig von ihrer Definition sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern strategische Allianzen bilden und die gemeinsame Kommunikation aufrecht erhalten.
rat-