Ein zufälliger Blick ….

Bei einem Besuch des jüdischen Friedhofs in Tarnow fiel zufällig mein Blick auf einen Grabstein aus schwarzem Marmor. Die Inschrift fesselte mich. … ich las dort Jakob Taubeles 15.06.1893 – 9.09.1969, bestes Großväterchen, Magister der Pharmacie, Teilnehmer des II.Weltkrieges, Offizier unter General Wladislaw Anders ….

und vor meinem inneren Auge entfaltete sich ein Schicksal, daß wichtige geschichtliche Ereignisse Polens berührt hatte.
Aufgewachsen in Galizien, dem von Österreich-Ungarn besetzen Teil Polens. Offensichtlich aus wohlhabender jüdischer Familie, die ihm ein Pharmazie-Studium ermöglichen konnte. Dann wahrscheinlich als Reserveoffizier in der polnischen Armee am II. Weltkrieg teigenommen. Entweder ist er vor der Deutschen Wehrmacht in die UdSSR geflohen oder von der Roten Armee gefangen genommen und nicht in Katyn erschossen. Dann stieß er zwischen 1941 und 1942 zu General Anders, der mit Stalins Zustimmung polnische Soldaten und Offiziere aus sowjetischen Lagern zusammensuchte. Mit dieser Armee bewegte sich Anders über den Iran in den Vorderen Orient, schloß sich schließlich den amerikanischen Truppen an und landete mit ihnen in Sizilien. Er nahm an der Eroberung Italiens teil, Stichwort Monte Cassino, gelangte nach Deutschland, wo ein Teil seiner Soldaten nach Kriegsschluß für kurze Zeit eine polnische Besatzungszone im Emsland übernahm. Danach wurden die Soldaten demobilisiert und verteilten sich mehr oder weniger über die ganze Welt. Jakob Taubeles ist offensichtlich halbwegs wohlbehalten nach Polen und Tarnow zurückgekehrt und hat dort seine Enkel erleben dürfen. Wahrscheinlich war er dann zu alt, um den letzten Exodus als Jude 1968 aus Polen mitmachen zu müssen.

Bei meinem heutigen Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Tarnow – er ist gerade umfangreich mit EU-Unterstützung wieder hergerichtet worden – suchte ich lange nach dem vertrauten Grabstein. Plötzlich entdeckte ich dann doch das Grab : die ursprüngliche Grabplatte war entfernt, wahrscheinlich zur Restaurierung, und stattdessen ein kleine Abbildung der Grabplatte angebracht worden. Davor brannte ein kleines Grablicht. Es mußte innerhalb der letzten Stunde angezündet worden sein. Es gab also noch Enkel oder Urenkel von Jakob Taubeles, dem Weitgereisten, die sich an ihn erinnerten und sein Grab gerade besucht hatten. Ich hätte sie gern kennengelernt und angesprochen …
TOL-