Eine feine Schneeschicht bedeckte das Areal des Gedenkortes am frühen Nachmittag des 27. Januar. Bei 0°C und bedecktem Himmel versammelte sich eine kleine Menschenmenge rund um das Gleis, um den Entrechteten und Ermordeten am Tag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau zu gedenken. Nach einem gesungenen Kaddisch richtete sich zunächst Jelisaweta Kamm (Bündnis 90/Die Grünen), Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte, im Namen ihres Gremiums an die Anwesenden. Auschwitz stehe für den systematischen Massenmord an Jüdinnen und Juden sowie vielen weiteren Menschen. Nach wie vor erwachse aus den Verbrechen der Nationalsozialisten große Verantwortung.

Weil Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Bündnis 90/Die Grünen) wegen Krankheit verhindert war, ergriff als Nächster der Stellvertretende Bezirksbürgermeister Carsten Spallek (CDU) das Wort. Mit Nachdruck erinnerte er daran, dass das Credo „Nie wieder!“ in der Gegenwart umgesetzt werden müsse. Die Zahl antisemitischer Straftaten habe 2024 einen Höchststand erreicht. [Für 2025 liegen noch keine abschließenden Zahlen vor, Anm. der Red.] Ein jeder solle sich nicht nur fragen: „Was hätte ich damals getan?“, sondern auch: „Was kann ich heute tun?“. Kritik an der israelischen Kriegsführung im Gaza-Krieg dürfe unter keinen Umständen dazu führen, dass israelische oder jüdische Menschen per se verurteilt oder diffamiert würden.

Es folgte eine performative Lesung, die die AG „Erinnern“ der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule (THG) gemeinsam mit dem Verein „Tanz Theater Dialoge“ erarbeitet hatte. Im Mittelpunkt stand die Biographie von Liesbeth Meyerowitz. 1943 wurde Meyerowitz von Berlin nach Auschwitz-Birkenau deportiert und wenige Tage nach ihrer Ankunft im Alter von 63 Jahren ermordet. Die Schülerinnen und Schüler hatten umfangreich zu Liesbeth Meyerowitz selbst, darüber hinaus aber auch zu ihren zahlreichen Verwandten recherchiert. Einigen gelang damals die Flucht, andere starben in den Vernichtungslagern oder nahmen sich das Leben. Indem die Jugendlichen die vielen einzelnen Lebenswege in der Lesung miteinander verknüpften, führten sie bewegend vor Augen, wie umfassend das Wüten der Nazis war. Musikalisch begleitet wurden sie von Elmar Schwinn, Musiker und Lehrer an der Gemeinschaftsschule. Er spielte auf dem E-Piano zwei Stücke des Komponisten Jan Meyerowitz, Sohn von Liesbeth Meyerowitz, der den Holocaust in Frankreich überlebt hatte. Nathan Friedenberg vom Museum Mitte zeigte sich tief beeindruckt von der Lesung. „Das ist wirklich Wahnsinn, was ihr macht!“, lobte er die Schülerinnen und Schüler. Abschließend dankte er allen Anwesenden für ihr Kommen.
Insgesamt wurden sechs Kränze auf der ehemaligen Deportationsrampe niedergelegt. Sie stammen von der Bezirksverordnetenversammlung und den einzelnen Fraktionen (mit Ausnahme der AfD).
red-
