150. Geburtstag – Rahel Hirsch in der Charité

Denkmal für Rahel Hirsch, 1995 von Susanne Wehland geschaffen. TAL

Sonniges Herbstwetter machte den Entschluss leicht, an der Veranstaltung zum 150. Geburtstag von
Rahel Hirsch teilzunehmen. So fand sich am 15.09.20 eine bemerkenswert große Gruppe von Menschen am Hufelandweg in der Charité ein. Dort befindet sich Rahel Hirschs Denkmal, 1995 von Susanne Wehland geschaffen.

Dr. Benjamin Kuntz. TAL


Dr. Benjamin Kuntz, Gesundheitswissenschaftler am Robert Koch-Institut, eröffnete die Veranstaltung und moderierte sie auch im Folgenden souverän.

Er leitete über zu Prof. Kroemer, dem Vorstandsvorsitzenden der Charite´. Der wies in seinem Grußwort auf die bemerkenswerte Leistung Rahel Hirschs hin, in der damaligen Zeit unbeirrt eine Forscherkarriere in der Medizin verfolgt zu haben. Sie diente damit Frauen der späteren Generationen als sichtbares Vorbild. Dafür wurde auch ein Habilitationsstipendium nach ihr benannt.
Ihn erinnere ihr Bild im Althoff-Saal immer wieder an dieses Verdienst.


Frau Prof. Brinkschulte, Medizinhistorikerin an der Universität Magdeburg, referierte ihren Lebenslauf mit unterschiedlich markanten Stationen: Hirsch erhielt 1913 als erste Ärztin in Preußen den Professorentitel verliehen – und mußte aber , Frau und Jüdin, 1918 ihre Position als Leiterin der Medizinischen Poliklinik zugunsten von Theodor Brugsch räumen. Brugsch war ihr Konassistent und kehrte gerade aus dem Krieg zurück.
– Brugsch verlor im übrigen 1935 sein Ordinariat in Halle wegen seiner jüdischen Frau. Er eröffnete 1936 in der Levetzowstraße unweit der Synagoge eine Privatpraxis. –


Frau Prof. Kaczmarczyk umriss anschließend als stellvertretende Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes die weiterhin unbefriedigende Repräsentation von Frauen in der medizinischen Hochschullandschaft. So seien derzeit von 36 Dekanaten gerade zwei mit Frauen besetzt. Auch bei der Auswahl für andere Führungspositionen in diesem Bereich würde in der Regel zuungunsten von Frauen entschieden. Aber bei der letzten Rednerin ging dann ein deutlich sichtbares Lächeln über Frau Kaczmarcyks Gesicht.

Frau Friederike Speckmann, Studentin an der Charité schilderte eloquent, wie auch heute noch Studentinnen und Studenten bei der Frage ihres weiteren beruflichen Werdegangs beraten würden. Die akademischen Lehrer richteten sich dabei weiterhin an den tradierten geschlechtsdifferenzierenden Mustern aus. Es war erfrischend, dem präzisen und selbstbewußten Vortrag dieser künftigen Ärztin zuzuhören.

cand.med. Friederike Speckmann. TAL


Eine anrührende Note gab Dr. Kuntz dem Nachmittag mit der Erklärung und dem Hinweis, dass Prof. Volkheimer, 99 Jahre alt, ebenfalls an der Veranstaltung teilnehme. Er saß am Rand der Zuhörer in einem Rollstuhl, bei aufmerksamer Betreuung durch zwei Damen. – Unvergessen bleibt, dass er 1973 in der Medizinischen Hauptvorlesung an der FU Berlin auf Hirschs Forschungsergebnisse von 1907 hinwies. Er selbst hat ihre Forschungen in seiner Habilitationsschrift 1962 bestätigt.
So war diese Veranstaltung auch ein mehrfacher Blick in die Vergangenheit und hat den Besuch auf jeden Fall gelohnt.
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Prof. Dr. Gerhard Volkheimer. TAL