“Stumme Zeugnisse 1939” – ein studentisches Projekt zum 1. September 1939

Der 1. September 1939, ein bedeutsames Datum nur für Eingeweihte?
Nach den Erkenntnissen von Prof. Krakolewski (Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften) hat dieser Tag in Deutschland in der Erinnerung einen wesentlich geringeren Stellwert als in Polen. Polen verlor an diesem Tag ein weiteres Mal seine Unabhängigkeit. Es wurde von Anfang an mit einem verbrecherischen rassistisch und atisemitisch bestimmten Krieg überzogen, an dessen Ende das Land weitgehend zerstört war, und über fünf Millionen seiner Einwohner im Krieg umgekommen oder ermordet waren. Polens Staatsgebiet hatte sich vollkommen verändert und seine Bevökerung war jetzt weitgehend ethnisch homogen. Die Juden waren überwiegend ermordet worden, Deutsche und Ukrainer ausgesiedelt. Dieser Krieg von weniger als zwei Monaten wird aus heutiger polnischer Sicht politisch und militärisch durch den Hitler-Stalin-Pakt bestimmt, denn 17 Tage nach dem deutschen Angriff marschierte auch die Rote Armee an Polens Ostgrenze ein. Erst nach 1989 konnte die Geschichte entsprechend ihrer historischen Realität auch in polnischen Medien und Schulbüchern dargestellt werden.


Dieser Vortrag war auf einer Veranstaltung zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Historischen Museum Berlin zu hören. Ewas ab vom Weg von den großen politischen Reden wurde hier ein studentisches Projekt vorgestellt, dass den Krieg in Polen in einer online-Ausstellung aus der persönlichen Sicht deutscher Soldaten darstellt. Dazu hatten die Studentinnen und Studenten über soziale Medien um Fotos, Briefe und Tagebücher von Kriegsteilnehmern gebeten. Mit erstaunlichem Erfolg.


Unterstützt wurden sie dabei vom Haus der Wannseekonferenz, der Polnischen Akademie der Wissenschaften, dem Leibniz-Institut für Zeithistorische Forschung Potsdam, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, dem Masterstudiengang Public History der FU Berlin, dem Militärhistorischen Museum Dresden und dem Münchener Stadtmuseum. Sie nannten diese Präsentation “Stumme Zeugnisse 1939”, da erst die Analyse der Dokumente und ihre Interpretation vor dem historischen Hintergrund ihr angemessenes Verständnis ermöglichte, erst dann fingen die Dokumente an zu sprechen. Und erst dann wurden auch die antipolonistischen und antisemitischen Inhalte deutlich. Die Ursachen dafür sind u.a. in alten Ressentiments und in einer sehr gezielten und umfassenden NS-Propaganda zu finden.

Bei Beginn des Projekts konnte man nur auf Dokumente aus dem deutschen Sprachraum zurückgreifen. Mittlerweile haben sich aber auch so viele Kontakte nach Polen ergeben, dass jetzt eine entsprechende Fortsetzung mit polnischen Dokumenten geplant ist.
Eine lobenswertes Ergebnis, eine Ausstellung, in der sich jeder ohne Zeitbegrenzung und mit eigenen Schwerpunkten umsehen kann.
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