Medizintäter – sie erfuhren auch noch nach dem Krieg Verständnis und Unterstützung

Anfang April 2919 lud das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Erlangen zu einer Tagung ein. Unter dem Titel „Medizintäter. Ärzte und Ärztinnen im Spiegel der NS-Täterforschung“ kam das Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft über „Gruppenbiografische Studien zu KZ-Ärzten“ zum Abschluß. Auffallend setzten sich die Tagungsteilnehmer dabei nicht nur aus Medizinhistorikern und Ärzten zusammen, sondern zunehmend auch aus Zeithistorikern und Politologen. Norbert Jachertz berichtete im Deutschen Ärzteblatt darüber. Die Vorträge richteten ihren Fokus weniger auf die einzelnen Täterpersönlichkeiten als auf ihr fachliches und gesellschaftliches Umfeld, von dem sie sich in großem Maß verstanden und unterstützt fühlten. So war eugenisches Gedankengut im gesamten Spektrum der Medizin damals allgemein akzeptiert. Unterstützung und Verständnis fanden die Täter aber auch noch weit in die Nachkriegszeit hinein. Stellvertretend seien hier nur Prof. Werner Catel und der Kreis der Flugmediziner genannt. Catel gab als Ordinarius für Kinderheilkunde an der Universität über Jahrzehnte das anerkannte Lehrbuch für Kinderkrankenschwestern heraus, die Flugmediziner konnten in Fachzeitschriften nach dem Krieg über die Ergebnisse ihrer Unterkühlungsversuche an KZ-Häftlingen berichten. Wer dazu die Bilder im KZ Dachau gesehen hat, wird sie so schnell nicht wieder vergessen können. Es gab einzelne Ärzte, die zwar Sterilisationsgutachten verfaßten, Euthanasie aber ablehnten, während wenige, wie der Freiburger Pathologe Franz Büchner, öffentlich dagegen protestierten. Es hat immerhin eine Generation gebraucht, bis sich Fachgesellschaften, Institutionen und Universitäten mit diesem Erbe auseinandersetzten. Bei der Beschäftigung mit den Tätern und der Statistik ihrer Taten dürfen das Leid und die Einzelschicksale der Opfer aber nicht in Vergessenheit geraten.
TOL-