

Von allen Richtungen gut zu sehen ist die Litfaßsäule am Bundesratsufer in Moabit. Ob man aus der Bochumer Straße oder der Dortmunder Straße kommt, schon von weitem fallen einem die ungewohnten Plakte auf. Bis zum 15. November erinnert diese Litfaßsäule an drei Tiergartener Bürger, die hier in unmittelbarer Nähe gelebt und gewirkt haben.

Da ist der Arzt Dr. Julius Moses aus dem Bundesratsufer 9. Dort betreute er in seiner Arztpraxis überwiegend arme Familien aus Moabit. Gleichzeitig setzte er sich als Reichstagsabgeordneter (SPD) für das Recht auf abtreibung, für die Belange von Behinderten und die Rechte von Menschen ein, die sich für medizinische Untersuchungen zur Verfügung stellten. Sein Credo war „Medizin ohne Politik gibt es nicht“. Als bewußter Jude trat er ebenfalls gegen politische Unterstellungen der Rechten auf. Er hat seine Engagement für die Benachteiligten offensichtlich als Verpflichtung empfunden, nachdem ihm ein wohlmeinender Onkel finanziell das sonst unerreichbare Medizinstudium ermöglicht hatte. – Im Ghetto Theresienstadt ist er dann buchstäblich verhungert.

Wenig weiter in der Levetzowstraße wirkte der Rabbiner Dr. Julius Lewkowitz an der liberalen Synagoge, dort wohnte er auch mit seiner Frau Selma im angrenzenden Rabbinerhaus. Auf Grund seiner umfassenden religions-philosophischen Kenntnisse wurde er an die Jüdische Gemeinde zu Berlin berufen und lehrte hier ebenfalls an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Er betreute bis zuletzt die Gemeinde in der Levetzowstraße. Im März 1943 wurde er zusammen mit seiner Frau Selma nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Auf der anderen Spreeseite hatte Dr. Nachman Schlesinger als Direktor des Realgymnasiums im Schulwerk Adass Jisroel Generationen von Schülern geprägt. Er stammte aus einer jüdisch orthodoxen Hamburger Familie, hatte Lehrerfahrungen in Kaunas und in Palästina erworben und war dann an die Schule in Siegmunds Hof berufen worden. Mit seiner Frau Käthe und neun Kinder wohnte er in der Lessingstr. 13, bis er im Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Elf Stolpersteine vor der Apotheke am Hansaplatz erinnern an sie.

Diese Litfaßsäule ist ein Teil des Projektes, das 25 Litfaßsäulen umfasst. Es erinnert an den Beginn der Deportation der Berliner Juden und wurde von Günter Jeschonnek initiiert. Gleis 69 war an der inhaltlichen und organisatorischen Arbeit beteiligt. Die Besuche auf unserer Website dokumentieren das große Interesse an diesem Projekt.
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