Versteckt-Verschlossen-Vergessen. Ein Projekt

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Vor dem Hintergrund des Gedenkortes Güterbahnhof Moabit und des Mahnortes Synagoge Levetzowstraße beschäftigten wir uns auch mit den vorhandenen Tiergartener Gedenktafeln.
Dabei stießen wir auf die Örtlichkeit und die Geschichte der “Vermögensverwertungsstelle” und der dafür aufgestellten Gedenktafel. Ein Besuch am Ort der früheren “Vermögensverwertungsstelle” und der kaum auffindbaren Gedenktafel rief erst einmal Gefühle wie Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit über den Umgang mit der Geschichte der NS-Zeit wach. Die genaue Schilderung der Einzelheiten zu der dort vorgefundenen Gedenktafel folgt unten.
Die Tafel wurde 1994 dort aufgestellt. Heute über zwanzig Jahre später sind wir offenbar noch nicht weiter. Oder sollte seitdem niemand mehr die Gedenktafel gesucht bzw. gefunden haben? Wir mochten uns mit diesem verstörenden Zustand nicht abfinden und überlegten, wie wir ihn beenden könnten. Öffentliche Aufmerksamkeit ist in diesem Fall immer ein guter Weg. Deshalb entwickelten wir eine Unterrichtseinheit und ein Konzept für eine Exkursion. Für dieses Angebot konnten wir im Französischen Gymnasium Interesse finden. Im Sommer 2020 stellten wir das Thema in der Schule vor. Im September 2021 folgte schließlich pandemiebedingt die eigentliche Exkursion.

Anders verhielt es sich mit der Gedenktafel für Ernst Boris Chain. Der Bezirk Tiergarten hat sich 1990 mit einer Gedenktafel für ihn im Gesundheitsamt geschmückt. Nach dem Abriss des Gesundheitsamtes 2013 war diese Tafel verschwunden. Unsere Nachforschungen beim Bezirksamt Mitte ergaben, dass sich die Tafel jetzt in der Staatsanwaltschaft in der Turmstr.22 befindet. Und zwar im Sicherheitsbereich, und damit für interessierte Besucher nicht zugänglich. Wenn man den Sinn einer Gedenktafel darin sieht, die Öffentlichkeit auf einen verdienten Bürger und Wissenschaftler aufmerksam zu machen, kann das kaum der richtige Ort sein.
Wir haben deshalb ebenfalls eine Unterrichtseinheit zu Ernst Boris Chain erarbeitet und im Herbst 2020 mit SchülerInnen der Theodor Heuss-Gemeinschaftsschule die dazugehörige Exkursion veranstaltet
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Jetzt stellen wir diese beiden unbefriedigenden Situationen und die Eindrücke der SchülerInnen in einer kleinen Ausstellung vor dem Rathaus Tiergarten vor.
Diese Ausstellung ist Teil unseres größeren Projektes Versteckt – Verschlossen – Vergessen , das wir weiter verfolgen werden.

Mit den Berliner Gedenktafeln beschäftigen wir uns bereits seit 2014, als wir die Gedenktafel für
Prof. Heinrich Finkelstein an dem ehemaligen Weddinger Kinderkrankenhaus initiierten.
2018 sorgten wir vor dem Abriss des Weddinger Gesundheitsamtes für die Verwahrung der dort angebrachten Gedenktafel für den Stadtarzt Salo Drucker.
2019 regten wir eine Berliner Gedenktafel für die Schriftstellerin Gabriele Tergit an. Sie soll jetzt 2022 enthüllt werden.
2021 beantragten wir eine Berliner Gedenktafel für die Malerin Charlotte Berend-Corinth
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Ausstellung: Die vergessenen Gedenktafeln in Tiergarten.

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Die versteckte Gedenktafel für die “Vermögensverwertungsstelle”

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Die Berliner Gedenktafel in der Elisabeth Abegg-Straße. TAL

Bereits in den achtziger Jahren war die Rolle der “Vermögensverwertungsstelle” beim Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg ausreichend bekannt und erforscht. Sie war genuiner Teil der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Ausplünderungsmaschinerie, die oft in vorauseilendem Gehorsam und mit erschreckender Kreativität ihre bürokratischen Werkzeuge gegen die deutschen Jüdinnen und Juden anwandte.
Nachdem schließlich an diesem historischen Ort eine Berliner Gedenktafel an ihre menschenfeindliche Tätigkeit erinnern sollte, fand in der Berliner Nachkriegszeit um diese Tafel ein beschämendes Schauspiel statt. Es ist hier dokumentiert.
Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis nach der Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes 1994 die Tafel am historischen Ort in Alt Moabit 143 aufgestellt werden sollte. Stattdessen wurde sie auf den Einspruch von Oberfinanzpräsident Ingo Trendelenburg (s. Zeitungsartikel) an der Einfahrt zur Feuerwache in der Elisabeth Abegg-Straße* versteckt. Sie ist dort für Ortsunkundige praktisch nicht auffindbar.
Dieser skandalöse Zustand hält bis heute unverändert an. Deshalb haben wir eine Exkursion für den virtuellen und analogen Gebrauch entworfen und sind mit Schülerinnen und Schülern des Französischen Gymnasiums Tiergarten diesen Weg abgegangen. Zuletzt im September 2021. Ihre Eindrücke haben die SchülerInnen hier in einer aktuellen Dokumentation festgehalten.
Wir wollen mit den SchülerInnen gemeinsam einen Weg suchen, diesen für alle Beteiligten und Verantwortlichen beschämenden Zustand zu beenden.

* Elisabeth Abegg, * 3.3.1882 Straßburg, † 8.8.1974 Berlin, Historikerin, Pädagogin, Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime. Sie unterrichtete u.a. am Luisen-Gymnasium, das auch Ernst Boris Chain besuchte. Sie versteckte und half jüdischen und politisch verfolgten Menschen, die so fast alle überleben konnten.
Die Gedenktafel in diesem Ort versteckt hätte sie mit Sicherheit nicht zugelassen.

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Zeitleiste zur Berliner Gedenktafel für die Vermögensverwertungsstelle

1985 Vorschlag des VVN ( Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Verband der Antifaschisten ) für eine Berliner Gedenktafel zur Erinnerung an die “Vermögensverwertungsstelle”.
Die Tafel wird hergestellt, aber nicht aufgestellt.
29.09.1988 Ankündigung im Tagesspiegel, dass demnächst eine Gedenktafel in alt Moabit 143 aufgestellt werden soll.
1990 neuer aber vergeblicher Vorstoß, die Tafel aufzustellen.
Frühjahr 1994 Kurt Schilde entdeckt die Tafel im Rathaus Tiergarten. Bezirksbürgermeister Naujocks bereitet die Aufstellung der Tafel vor.
Am 17. Juni 1994 erhebt der Oberfinanzpräsident Ingo Trendelenburg ( s. Zeitungssartikel) gegen die vor dem ehemaligen Standort der “Vermögensverwertungsstelle” Alt Moabit 143 geplanten Aufstellung der Gedenktafel Einspruch. Darauf wird die Tafel an die Rückseite des Grundstücks vor die Einfahrt der Feuerwache Tiergarten verlegt.
Am 24. Juni 1994 enthüllen der Tiergartener Bezirksbürgermeister Wolfgang Naujokat und der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde Jerzy Kanal die Tafel.
1999 wird die Tafel zerstört, später wieder ersetzt.
2021 die Gedenktafel steht weiterhin für Ortsfremde nicht auffindbar in der Elisabeth-Abegg-Straße.
Am 22. September 2021 stehen Schülerinnen und Schüler des Französischen Gymnasiums Tiergarten vor der Tafel.

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Die Suche nach der Gedenktafel
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Alt Moabit 143. Hier befand sich dieVermögensverwertungsstelle. Links ist die Reichstagskuppel
zu sehen, in der Mitte das Bundeskanzleramt. TAL
An der Ecke Elisabeth Abegg-Straße stehen verschiedene Schilder – aber es ist keine
Berliner Gedenktafel darunter. TAL
Auch von der Moltkebrücke aus ist keine Gedenktafel zu sehen. TAL
Ein Blick in die Elisabeth Abegg-Straße weiter hinein:
Weiterhin ist keine Gedenktafel zu entdecken. TAL
Weiter in die Elisabeth Abegg-Straße hineingegangen
wird am Ende des Zauns etwas sichtbar – eine Tafel? TAL
Die Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt: Am letzten Zipfel des Grundstücks steht tatsächlich
die lange gesuchte Gedenktafel. TAL

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Provincial Steuer Direction. Architekten-Verein zu Berlin, Berlin und seine Bauten, 1896.
In diesem Gebäude in Alt Moabit 143 befand sich 1941 -1945 die
Vermögensverwertungsstelle beim Oberfinanzpräsidenten Berlin – Brandenburg.
Gemeinfrei.

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Zeitungsartikel zur Gedenktafel für die “Vermögensverwertungsstelle”.
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Tagesspiegel vom 29.09.1988
Berliner Morgenpost vom 20.06.1994
Berliner Zeitung vom 20.06.1994

Nach der Exkursion am 22.09.2021 erstellten die SchülerInnen des Französischen Gymnasiums in eigener Regie folgende Plakate:
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Quellen:

Aly, Götz. Hitlers Volksstaat. Fischer. Frankfurt 2005
Friedenberger, Martin, Klaus-Dieter Gössel und Eberhard Schönknecht (Hg.). Die Reichsfinanzverwaltung im Nationalsozialismus. Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Berlin 2005.
Knobloch, Heinz. Meine liebste Mathilde. Das Arsenal. Berlin 1986.
Schilde, Kurt. Versteckt in Tiergarten. Weidler. Berlin 1995
Schilde, Kurt. Bürokratie des Todes. Metropol. Berlin 2002

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Die in der Staatsanwaltschaft verschlossene Gedenktafel
für Ernst Boris Chain

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Die Berliner Gedenktafel für Ernst Boris Chain. TAL

Das Gebäude der Staatsanwaltschaft in der Turmstr. 22 wurde an der Stelle des 2013 abgerissenen Gesundheitsamtes errichtet und beherbergt jetzt auch wieder die Gedenktafel für den Nobelpreisträger Ernst Boris Chain. Er hatte entscheidend an der Entwicklung des Antibiotikum Penizillin mitgewirkt. Chain ist in Mitte geboren, dann aber bald mit der Familie nach Tiergarten gezogen und wohnte hier lange im Haus Alt Moabit 109.

Weshalb die Tafel ursprünglich im Gesundheitsamt hing, ist von Chains Lebenslauf her nicht zu begründen. Dass die Tafel jetzt im Sicherheitsbereich der Staatsanwaltschaft hängt und dadurch für BesucherInnen unzugänglich ist, lässt sich noch weniger erklären.

Eine Unterrichtseinheit , die wir für die Theodor Heuss-Gemeinschaftsschule entworfen haben, beschäftigt sich mit Grundlagen der Mikrobiologie, Ernst Boris Chain und seiner Arbeit.

In diesem Zusammenhang haben wir dann die dabei angesprochenen Orte besucht. Dabei machten die SchülerInnen, wie erwartet, die Erfahrung, erst nach einer Bitte und einer längeren Erklärung gegenüber den MitarbeiterInnen der Staatsanwaltschaft einen Blick auf die angekündigte Gedenktafel werfen zu dürfen. Fotografieren war nicht erlaubt.
Die SchülerInnen haben ihre Eindrücke in Fotos und Texten dokumentiert

Der jetzige Ort der Gedenktafel kann weder im Sinne des Stifters, noch im Sinne des Geehrten oder der interessierten Gesellschaft sein. Vielleicht findet sich doch ein Weg, die Tafel an seinem ehemaligen Wohnhaus Alt Moabit 109 anzubringen.

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Alt Moabit 109. TAL

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In der oben genannten Ausstellung 2019 / 2020 berichteten wir ausführlich zu Ernst Boris Chain. Design Magdalena Zagorski

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Auf der Suche nach der verschlossen Gedenktafel.

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Die Staatsanwaltschaft in der Turmstr. 22. TAL
Der Eingang in die Staatsanwaltschaft nachts. TAL
Im Gebäudeinneren der Staatsanwaltschaft wird die Gedenktafel sichtbar. Sicherheitsbereich! TAL
Die SchülerInnen der THG vor der Staatsanwaltschaft. TAL

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Die SchülerInnen der Theodor Heuss-Gemeinschaftsschule haben ihre Eindrücke von der Exkursion in Plakaten zusammengefasst:
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