Juden in Chemnitz tief beunruhigt

Als ich von der tiefen Beunruhigung der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz gehört habe, hat mich das sehr betroffen und traurig gemacht.
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich die Gemeinde besucht und ein längeres Gespräch mit der Gemeindevorsitzenden Frau Dr. Röcher gehabt. Bei dem Gang durch die neue Synagoge und das Gemeindehaus zeigte sie mir voller Stolz die verschiedenen Arbeitsbereiche und Einrichtungen, die Mikwe, die koschere Küche und den große Gemeindesaal. Bei ihren Schilderungen bemerkte ich, mit wie viel Empathie, Fürsorge und Verantwortungsgefühl sie ihre Aufgabe in der Gemeinde wahrnimmt. Als wir uns die Synagoge ansehen, schildert sie, wie sie sich darum bemüht auch im Gottesdienst die Wünsche der Gemeindemitglieder mit den Vorstellungen des Rabbiners in einer orthodox orientierten Gemeinde in Einklang zu bringen.
Der ovale Synagogenraum wird vom Braun der Holzwände und vom Blau des Aaron-haKodesh, des Thoraschreins, bestimmt. Der Thoraschrein, ein großer Kegel, dominiert den Raum und fesselt den Besucher. Licht fällt durch die ebenfalls blau getönten Oberlichter und durch ein großes Frontfenster mit einem Psalmentext auf Hebräisch. Ein Raum, in dem der Mensch zur Ruhe kommen und sich sammeln kann. Frau Dr. Röcher kümmert sich persönlich um den Religionsunterricht der Kinder in Chemnitz und auch in Leipzig. Sie betont, wie gut die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und auch der Polizei sei, wie viel Aufmerksamkeit und Hilfe sie von dieser Seite erhielte.

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Das zeigt sich auch bei meinem späteren Besuch auf dem jüdischen Friedhof auf dem Kaßberg, er ist gut gepflegt und instand gehalten. Nicht weit entfernt davon steht am Stephanplatz das Mahnmal für die von der SA in der Reichspogromnacht zerstörte alte Synagoge. Ihren Rabbiner, Dr.Egon Fuchs, zwang die SS vor die brennende Synagoge. In der Nachbarschaft steht die Kirche St.Johannes Nepomuk. Im Eingang liest der Besucher auf einer Tafel:

Zum Gedenken.
Herr, ich liebe den Ort wo Dein Tempel steht, die Stätte wo Deine Herrlichkeit wohnt. Psalm 26,8.
Nur wenige Meter vom späteren Standort unserer Kirche entfernt wurde das Gotteshaus unserer älteren Brüder und Schwestern im Glauben in der Nacht vom 9. zum 10.November von Menschen durch Feuer zerstört.

Wenige Wochen später nehme ich an einer Stolpersteinverlegung in Chemnitz teil. Vier Tage vorher haben sich hier Menschen in Aggression und Destruktion offenbart.
In der Auseinandersetzung mit ihnen sind jetzt alle gefragt, der Staat, die Zivilgesellschaft, die Gemeinden, die Nachbarschaft, jeder einzelne. Wir können nicht Stolpersteine verlegen und gleichzeitig dem Bösen im Menschen Raum geben. Es kann nicht sein, daß wieder Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Ethnie ausgegrenzt, verfolgt, entwürdigt und schließlich ermordet werden.

Stolpersteinverlegung Chemnitz 2018 Gleis 69

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