Seyran Ates in St. Johannis

St. Johannis in Tiergarten. TAL

Die Reformationsgottesdienste ändern sich, die Themen der Predigten an diesem Tag auch. Sie sind vielleicht weniger rückwärts gewandt und lassen eher nach rechts und links schauen, zu unseren Nächsten.
So hielt am diesjährigen Reformationstag Seyran Ates, die Gründerin der Ibn Rushd – Goethe Moschee, die Predigt in der St. Johannis-Kirche in Tiergarten. Es war ihre erste Predigt zu diesem Anlaß und an diesem Ort – deshalb tastete sie sich auch vorsichtig an diese Aufgabe heran. Das friedliche Nebeneinander der drei abrahamitischen Religionen ist eben auch etwas Neues, eine Reform. Der Blick in die Vergangenheit läßt die Erinnerung an Gewalt und Bitternis im Verhältnis untereinander wachwerden. Die drei Religionen sind verschiedene Wege gegangen. Welches ist der Richtige? So öffnete Luther, auch mit seiner Bibelübersetzung, den Gläubigen den Weg zu einem eigenen Verständnis des Glaubens. Er befreite sie damit von der jahrhundertelangen Bevormundung durch die Kirche. Damit ist Luther auch Vorbild für eine muslimische Reform zu einem liberalen Islam. Dieser liberale Islam steht für Begegnungen, für gegenseitigen Respekt und auch für ein gemeinsames Beschreiten eines Teils des Glaubensweges.
Dann wendet sich Seyran Ates dem Predigttext dieses Tages im 5.Buch Moses, Kapitel 6, Vers 4 – 9 zu. Die umfassende Liebe zu Gott steht hier im Mittelpunkt. Frau Ates findet im Text keine Vergleiche der Bekenntnisse, keine Bewertung der anderen Religion. Stattdessen einen Aufruf zu mehr Gemeinsamkeit und zu Toleranz. Die Liebe zu Gott ist ein elementares Element, das das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft bestimmen soll. Wir sollen diese Erkenntnis an unsere Kinder weitergeben, damit sie im friedlichen Miteinander und im gegenseitigen Respekt vor dem Anderssein leben. Diese Gefühle müssen wir heute auch denen entgegenbringen, die auf der Flucht sind, Hunger leiden und ihr Leben bei der Suche nach Glück riskieren. Wir müssen uns unserer Gefühle der Abwehr bewusst werden, auch der Ablehnung als Mehrheitsgesellschaft, unseren Wohlstand zu teilen. Toleranz gegenüber dem Anderen kann dabei ein Weg sein, sie ermöglicht auch einen gesellschaftlichen Zusammenhalt. In dem Text im 5. Buch Moses kann man in der zentralen Stellung der Liebe zu Gott auch einen Hinweis auf die Toleranz finden. Es besteht eine große Hoffnung auf die Wirkung von Gottes Wort, dabei kann Liebe immer nur aus freiem Entschluss aufgebracht und dem anderen entgegengebracht werden. Im Islam braucht es aber zu dieser Erkenntnis noch einen langen Weg.
Die Neugierde auf das Tun des anderen und die Bereitschaft, dieses Tun als Vorbild für sich selbst zu nutzen, kann den Anfang für Reformen darstellen. Erste Ansätze dafür im Islam gibt es bereits. Zum Schluß betont Frau Ates noch einmal, für wie wichtig sie die Liebe zu Gott im Herzen der Menschen hält, wichtiger als die Anerkennung von draußen, den Erwerb von materiellen Gütern und die Jagd nach Geld. Diese Liebe ermöglicht das gegenseitige Verständnis der Menschen untereinander und lässt sie auch im Glauben mündig werden.
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