Köthen – eine alte deutsche Stadt

Köthen mit St.Jakob und Rathaus


Kommt man zum ersten Mal nach Köthen in Anhalt, schließt man von den Gebäuden und den Resten der mittelalterlichen Stadtbefestigung auf ein ehrwürdiges Alter dieser Stadt. Ja, hier feierten die Einwohner vor einiger Zeit das 900jährige Bestehen Köthens. Das mittlerweile vierte Rathaus am Marktplatz ist jetzt aber erst gut 100 Jahre alt, im Renaissance-Stil erbaut, wird gern sein prächtiger Ratssaal gezeigt. Er ist geradezu opulent mit Schnitzereien, eichernem Wandpanel und Mobiliar ausgestatt. Lobend wird dafür der Tischlermeister Naumann – und der großzügige Stifter Felix Friedhelm erwähnt. Ohne seine Spende wäre diese Ausstattung gar nicht möglich gewesen. Aus Anlaß des 100jährigen Bestehen seines Bankhauses hatte er den Innenausbau des Rathauses finanziert. Daneben stiftete er weitere soziale Einrichtungen, wofür sich die Stadt mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde bedankte. Auf der aktuellen Website der Stadt wird minutiös die wirtschaftliche Entwicklung der Familie beschrieben, aber mit keinem Wort die offensichtliche jüdische Herkunft Friedheims erwähnt.

Haben sich jüdische Familien erst zu Beginn des 17. Jahrhundert in Köthen angesiedelt und kam die Größe ihrer Gemeinde um 1900 kaum über 300 Mitglieder hinaus, so haben sie der Stadt offensichtlich wichtige wirtschaftliche Impulse gegeben. Bei den in Köthen verlegten Stolpersteinen stößt man auf den Namen des Kaufmanns Isidor Schönfeld (1872–1942 . Er mußte sein Haus und sein umfangreiches Geschäft aufgeben und wurde schließlich mit seiner Frau 1942 nach Theresienstadt deportiert. In seinen Veröffentlichungen zur Geschichte der Köthener Geschäftswelt beschreibt der ehemalige Kriminalbeamte Norbert Postler als Lokalhistoriker diese Beraubung jüdischer Geschäftsleute als Geschäftsübergabe. Über das spätere Schicksal von Isidor Schönfeld erfährt der Leser an dieser Stelle nichts. Auch sonst ahnt man bei der Lektüre von Postlers Büchern nur anhand der Namen der Vorbesitzer, daß Eigentümerwechsel nach 1933, sogenannte Arisierungen, erzwungene Geschäftsabgaben darstellten.


Auch die übrigen Spuren jüdischen Lebens in Köthen sind nur mit Mühe zu finden. Eine kleine Tafel in der Burgstraße verweist auf die zerstörte Synagoge, berichtet nichts vom Schulhaus und dem zur Gemeinde gehörigen Wohnhaus. Der alte jüdische Friedhof an der Trautmannstraße ist bei der ersten Nachfrage in der der Touristeninformation nicht bekannt. Erst bei nochmaliger Nachfrage und nach einem klärenden Telephongespräch läßt er sich auf dem Stadtplan von Köthen markieren. Er ist wie der neuere Friedhof in der Maxdorfer Straße in der NS-Zeit zerstört worden. Die Grabsteine wurden beim Straßenbau verwendet.

Der neue jüdische Friedhof liegt außerhalb der Stadt neben dem städtischen. Dort sind mittlerweile ein Großteil der Gräber wiederhergestellt. Auch die Begräbnishalle steht noch, mittlerweile in schlechtem baulichen Zustand. Die letzten Bestattungen haben in den 60iger Jahren stattgefunden. Der jüdische Friedhof ist abgeschlossen. Aber nach einem Telephonanruf des bemühten, städtischen Friedhofsverwalter bei der jüdischen Gemeinde in Magdeburg darf ich ihn betreten und mich dort in Ruhe umsehen. Der Verwalter berichtet, daß nur noch vereinzelt Besucher auf diesen Friedhof kämen, meist ausländische, die von der Gemeinde in Magdeburg angekündigt würden.
Juden in Köthen gibt es nicht mehr.
Köthen, eine alte deutsche Stadt.
TOL-